Der Webern-Enthusiasmus, der die Komponisten der Avantgarde 1975 in Deutschland wie in aller Welt fast schlagartig erfaßte, manchen darunter sogar in blinden Eifer stürzte, hat in der Rezeptionsgeschichte seines Werkes seltsamerweise nur wenig Konsequenzen gehabt. Denn noch immer verläuft auf der Seite des Publikums die Auseinandersetzung mit jener "Musik am Rande des Schweigens" überwiegend defensiv. Daß sie gar allenthalben als "klassische" Musik unseres Jahrhunderts akzeptiert würde, davon kann beileibe keine Rede sein. Jenen unhaltbaren Zustand zu ändern, dürfte gewiß Ziel der lange erwarteten Webern-Anthologie

Anton Webern: "Das Gesamtwerk, opus 1 bis 31"; London Symphony Orchestra, Leitung: Pierre Boulez; CBS 79 402 (4 LP)

sein, die damit nicht zuletzt im CBS-Management eine Scharte auswetzt, weil sie die geradezu stümperhafte frühere Gesamteinspielung mit Robert Craft, die bislang einzige freilich, endlich außer Kurs setzte.

Interpretatorisch hat die auch in den kammermusikalischen Beigaben mit Akribie und Kompetenz betreute Boulez-Kassette, die auch eine von Webern dirigierte Schubert-Bearbeitung aus dem Jahre 1932 einbezieht, nicht ihresgleichen. Die darin erzielte analytische Klangschärfe und künstlerische Sorgfalt scheint jedoch auf die Autoren beziehungsweise die redaktionelle Überprüfung des Begleitheftes nicht im geringsten eingewirkt zu haben. Es wimmelt darin von verbalen Harmlosigkeiten und Fehlern. Der musikalischen Qualität hingegen tut’s keinen Abbruch.

P. F.