Von Wieland Schmied

Er ist sehr alt geworden, und er hat fast alle überlebt, die Maler, denen die Begegnung mit seinen Bildern einmal zum Ausgangspunkt ihres eigenen Werks geworden war: Max Ernst, René Magritte, Yves Tanguy, Pierre Roy, Joseph Cornell; die Dichter, die von seinen Visionen beeindruckt waren wie von keinen anderen: Apolinaire, Breton, Cocteau, Eluard. Er hat viele seiner Freunde und die meisten seiner Feinde überlebt, er hat seine Zeit und er hat schließlich sich selbst überlebt. "Lunga vita di Giorgio de Chirico" hieß ein Buch, gegen das er vor einigen Jahren vehement protestierte und prozessierte, da es zu viel bösen Klatsch enthielt. Inzwischen hatte er auch seine Biographie überlebt.

De Chiricos eigene Memoiren, 1945 und noch einmal 1960 publiziert, lesen sich wie ein Bericht aus einer anderen Welt: Da hat es elnen Mann mit seltsamen Idealen in unser Jahrhundert verschlagen, der immer wieder anecken und an allem Anstoß nehmen mußte. Seine Memoiren machen auch offenbar, wieviel er seiner Herkunft aus Griechenland verdankt – er wurde 1888 als Sohn eines Eisenbahningenieurs aus Sizilien in Volos, Thessalien (dem alten Hafen der Argonauten) geboren. In der Erinnerung mischten sich Kindheit und Geist der Sage und ergaben eine Humusschicht, aus der noch sein Roman "Hebdomeros" (1929) lebte. Doch in der Mitte des Lebens schien diese Substanz verbraucht.

Der Mensch als Schatten

Nichts war dem Mann mit dem "Haus an der Piazza di Spagna und dem Platz in der Geschichte" zuletzt so fern wie die Kälte und Klarheit seiner metaphysischen Bildwelt, die er als Zwanzig- bis Dreißigjähriger (ab 1911) in Paris und (ab 1915) in Ferrara geschaffen hatte und die ihm dann verlorenging wie ein Traum, als wäre sie nie in ihm gewesen, nie durch ihn hindurchgegangen. Staunend, beinahe ungläubig hat er sie in seinen späten Jahren – als erinnerte er sich seiner Jugend – wieder aufgenommen, sein Herz aber gehörte anderen Sujets, die ihm malerischer erschienen. Das ist ein Faktum, das uns immer rätselhaft bleiben wird. Es rührt an die letzten Fragen schöpferischen Tuns und menschlicher Identität: Bleibt uns, was wir schufen? Bleiben wir, was wir waren? Hier liegt die Wurzel der Mißverständnisse, die de Chirico zeitlebens begleitet haben und die alle davon ausgingen, daß jemand, der sich so gewandelt habe, nicht nur seine Träume, sondern auch seinen Verstand verloren haben mußte. Nichts peinlicher als die Äußerungen von Journalisten, die seine Gastfreundschaft genossen und dann meinten, den alten Mann verlachen zu sollen. De Chirico war bis zuletzt ein Mann von großer Würde. Er hielt auf Distanz. Er konnte wie abwesend seinen Gedanken nachsinnen, wenn ihn der Gang des Gesprächs langweilte; und er konnte mit witzigen und auch bitteren Kommentaren eingreifen, wenn man meinte, er folge dem allen nicht mehr. Er war von zeremonieller Höflichkeit. Das altertümliche Deutsch seiner Münchener Studienjahre 1906–1908, das er mit Besuchern aus Deutschland sprach, verstärkte den Eindruck noch.

Ausstellungen, Publikationen, Verkäufe, Museen, Kritik – das berührte ihn nicht mehr. Er sah das aus olympischer Perspektive, die alles unendlich fern und unwirklich erschienen ließ. Das einzige, was ihn. erregte und an das kaum noch geliebte Dasein mit den wenigen Ritualen wie dem täglichen Gang zur Via Condotti ins "Caffe Greco" band, war der Kampf gegen die Fälscher.

Er war so geworden, wie er sich 1922 gemalt hatte: ein versteinertes Denkmal seiner selbst, der Leib zu Fels erstarrt und unverletzbar, lebensvoll nur noch der Kopf, aus dem uns ein wissender, skeptischer Blick trifft. Man sage nicht, diese Fremdheit der eigenen Zeit gegenüber, diese Selbstentfremdung habe er nicht empfunden. Sie sind das Thema vieler Bilder und Zeichnungen seiner letzten Jahre, dieses eigenartigen Spätwerks, das noch zu entdecken ist. Da erscheint die alte Piazza d’Italia-Welt in eine Marionettenbühne verwandelt, über die teilnahmslos sich die Gestalt des Spielers beugt. Da fällt der Blick über den Abgrund des Canale Grande auf eine Hauswand, in deren Fenster wir Figuren entdecken, die Bilder wechseln: eine Realität stellt die andere in Frage, gewiß ist keine. Da kehrt Odysseus von seinen Irrfahrten heim; er rudert in einem kleinen Boot durch eine Pfütze im Zimmer, dessen vier Wände er in Wahrheit nie verlassen hatte – ergreifende Metapher der Vergeblichkeit aller menschlichen Unternehmungen.