Von Carl Dahlhaus

Die Unmasse dessen, was über Richard Wagner geschrieben wurde und weiterhin geschrieben wird, als sei es nicht endlich genug, eine Masse, die von Wagner selbst durch ausschweifende Kommentare über die eigenen Absichten provoziert worden ist, vermag längst niemand mehr zu überblicken, geschweige denn zu lesen. Und wer sich als Rezensent gezwungen sieht, nach oder – schlimmer noch – neben dem Wagner-Buch von Hans Mayer das von Friedrich Oberkogler

Hans Mayer: "Richard Wagner – Mitwelt und Nachwelt"; Belser Verlag, Stuttgart/Zürich, 1978; 448 Seiten, 45,– DM

Friedrich Oberkogler: "Richard Wagner – Vom Ring zum Gral: Wiedergewinnung seines Werkes aus Musik und Mythos"; Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1978; 732 Seiten, 58,– DM

als Lektüre zu absolvieren, beginnt zu begreifen, daß es nicht eine einzige, in sich durch Übereinstimmung oder Widerspruch zusammenhängende Wagner-Literatur, sondern eine Vielzahl von Wagner-Literaturen gibt, zwischen denen nicht der geringste Konnex besteht. Das Publikum, an das sich der eine Autor wendet, existiert für den anderen nicht; man redet in verschiedenen Sprachen, die nicht ineinander übersetzbar sind. (Wenn Oberkogler, ein einziges Mal, Adorno zitiert, erschrickt man geradezu und beruhigt sich erst wieder, wenn man entdeckt, daß es zu polemischen Zwecken geschieht.)

Läuterung zum "Pflanzen-Blütenkelch"

Oberkogler ist Anthroposoph. Die Interpretationen des "Ring", des "Tristan", der "Meistersinger" und des "Parsifal", die er auf Hunderten von Seiten ausbreitet, sind beharrliche Versuche, sich der verborgenen Bedeutung der Musikdramen mit dem Kategoriensystem und in der Sprache Rudolf Steiners zu bemächtigen. Die Theaterwirklichkeit, die Wagner entwarf, schrumpft zum esoterischen Traktat, dessen Chiffren es zu enträtseln gilt. Wagners mythenverknüpfende Phantasie, die in der verworrenen Abhandlung "Die Nibelungen" einen Zusammenhang zwischen Nibelungenhort und Gral konstruierte, ist für Oberkogler Anstoß und Ermutigung, die Werke vom "Ring" bis zum "Parsifal" mit einem immer dichteren Netz von Symbolik zu überziehen, das die dramatischen Grundrisse immer unkenntlicher werden läßt. Zur Ausfüllung der Lücken, die bei anthroposophischer Exegese übrigbleiben, dienen musikalische Analysen, die aus Versuchen bestehen, in Worte zu fassen, was die Leitmotive und deren Partikel ausdrücken. Von der musikalischen Form ist nicht die Rede.