Von Peter Fuhrmann

Unerschütterlich in Zielvorstellung und Selbstvertrauen hat der achtunddreißigjährige Christoph Eschenbach, weltweit als Pianist bekannt, nun die erste Stufe seines, wie er selbst versichert, "zweiten" Berufes erreicht und damit seinen um zwei Jahre jüngeren Kollegen Daniel Barenboim in zwar vergleichbarer Funktion, wohl aber auf entschieden niedrigerer Kunstebene eingeholt: Er wurde zum Chefdirigenten berufen – nicht in Boston, Cleveland, Chicago oder Los Angeles, deren Top-Ensembles er inzwischen dirigierte und von denen er zu Recht schwärmt ("... sie sind so aufmerksam und hellwach, realisieren Angaben so wahnsinnig schnell wie das sonst nirgends auf der Welt der Fall ist"), nein, in Ludwigshafen, beim dort ansässigen Staatsorchester Pfälzische Philharmonie.

Doch noch bemerkenswerter als diese Entscheidung dürfte die von Eschenbach in der zugigen Höhenluft der Weltelite-Orchester gewonnene Erkenntnis sein, daß ihm trotz seines beachtlichen internationalen pianistischen Renommees die altbekannte Ochsentour, das sich von der Pike des Orchestergrabens eines Provinztheaters Hoch-dirigieren-Müssen, nicht erspart bleibt; so wenig wie Karajan und seinen Gefährten irgend etwas auf der Strecke zum eitelgefährlichen Dirigierpodest erleichtert wurde.

Wer Eschenbach in diesem Showgewerbe erlebte, begreift allzu gut, wie viel ihm rein handwerklich da noch fehlt, aber auch, daß es eine kluge Einsicht war, die ihn sein neues Amt übernehmen ließ. Er wird nichts anderes mit jenem Provinzorchester tun können, als "Schularbeiten" zu absolvieren, eine Art Nachsitzen zu betreiben, Repertoire zu erwerben. Seine Schlagtechnik ist mangelhaft und für Orchestermusiker wohl ein Alptraum. Einem professionellen Dirigenten würden so krasse dilettantische Eigenschaften wohl schwerlich nachgesehen, wohl hingegen Eschenbach, der überzeugt ist, daß es keine technischen, sondern nur musikalische Probleme gibt, folglich die technischen sich immer musikalisch bewältigen lassen.

Gäbe es nicht die sprichwörtliche Höflichkeit und Anpassungsfähigkeit, vor allem auch das eminente Können englischer Orchester, hätte man es angesichts der ersten in Doppelfunktion produzierten Platte

Wolfgang Amadeus Mozart: "Klavierkonzerte C-dur KV 467/A-dur KV 488"; London Philharmonie Orchestra, Christoph Eschenbach; EMI 1 C 065–03 341

nicht gerade leicht, so gravierende Vorbehalte aufrechtzuerhalten. Denn am optisch nicht kontrollierbaren Klangresultat gemessen ist dieser Auftakt zu einer neuen zyklischen Auswahl an Mozartschen Klavierkonzert-Produktionen außerordentlich vielversprechend. Der Versuch glückte. Und man nimmt es Eschenbach, der sich mit der Einspielung reiner Orchesterwerke einstweilen noch zurückhält, durchaus ab, daß er am liebsten vom Klavier aus dirigiert. Der manieristische Effet wird weitgehend auch im eigenen Spiel vermieden. Die Orchesterintraden und Zwischenspiele haben erstaunliches Eigenprofil. Ihre Einbindung ins solistische Gefüge verraten hohe Intensität, Empfindsamkeit und Musikalität.