Von Benjamin Henrichs

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg ... Am 3. Hornung hörte er, ein Kind in Fouday sei gestorben, das Friederike hieß." Am 4. Hornung versucht Lenz, ein neuer Heiland, das Mädchen wieder zum Leben zu erwecken. Doch "die Leiche blieb kalt. Da stürzte er halb wahnsinnig nieder; dann jagte es ihn auf, hinaus ins Gebirg. Wolken zogen rasch über den Mond; bald alles Im Finstern, bald zeigten sie die nebelhaft verschwindende Landschaft im Mondschein. Er rannte auf und ab. In seiner Brust war ein Triumphgesang der Hölle. Der Wind klang wie ein Titanenlied. Es war ihm, als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen; als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien."

*

Am 23. November 1974 verläßt der Filmregisseur Werner Herzog zu Fuß die Stadt München. Seine erste Station ist Pasing, sein Ziel ist Paris. Auch Herzog, kommt auf seiner Wanderung in den Ort Fouday ("Ob, wie das um das Haus heult und pfeift, die Bäume johlen ... Dies ist alles sinnlos jenseits aller Beschreibung"), und auch sein Ziel ist eine Art wundersamer Heilung. In München hatte er gehört, Lotte Eisner, die große Filmhistorikerin, sei schwer erkrankt "und werde wahrscheinlich sterben. Ich sagte, das darf nicht sein, wir dürfen ihren Tod nicht zulassen... Ich ging auf dem geradesten Weg nach Paris, in dem sicheren Glauben, sie werde am Leben bleiben, wenn ich zu Fuß käme". Anders als Lenz hat Herzog Glück, das selbstauferlegte Martyrium führt zum Erfolg: als er, am 14. Dezember, Paris zu Fuß erreicht, lebt Lotte Eisner. Und lebt bis auf den heutigen Tag.

Vier Jahre später hat Herzog das Tagebuch seiner, Winterwanderung publiziert –

Werner Herzog: "Vom Gehen im Eis"; Hanser Verlag, München, 1978; 103 Seiten, 18,–DM;

und wenn einem beim Lesen immer wieder Büchners Novelle einfällt, dann nicht nur der höchst seltsamen äußeren Parallelen wegen; nicht nur, weil man weiß, daß Herzog gerade einen "Woyzeck"-Film gedreht hat; sondern weil es Stimmungen und Sätze gibt, die in beiden Erzählungen vorkommen könnten, Stimmungen in einer Natur, in der es Winter wird, Stimmungen in einem Kopf, in dem es Wahnsinn wird. Herzog, auf schmerzenden Füßen das düstere Deutschland, das nicht viel freundlichere Frankreich durchwandernd, erlebt, wie Lenz, "die Natur, Menschen, alles traumartig, kalt". Er möchte zwar nicht Gott aus den Wolken "herbeireißen", doch auch sein Weg ist begleitet von Verfluchungen, von Strafpredigten auf eine kalte, sinnlose Welt. Auch er "wühlt in sich", findet Trost allenfalls im Jammer über sich selbst. "Er empfand ein lases, tiefes Mitleid mit sich selbst", steht im "Lenz". "Etwas wehleidig am Morgen", notiert Herzog am 29. November. Beide "Helden" wärmen sich an ihrem Selbstmitleid, beide haben die stolze Verachtung aller Unbehausten auf jene, die jetzt, im Winter, in den Häusern, hinter ihren Öfen sitzen. Der Weg in die Natur ist eine Flucht vor den Menschen.