Das Tötungsritual von Jonestown: Die Heilssuche endete in einem Hörigkeitskult

Von Thomas von Randow

Neunhundert Menschen haben im Dschungel von Guyana ihre kleinen .. Kinder, und sich selbst umgebracht, nur weil es ihnen einer befohlen hatte – einer, der sich als Gott aufspielte, obwohl er ein eher unbedarfter Mensch von mittlerer Intelligenz und dürftiger. Bildung gewesen ist. Betroffen von solchem Aberwitz, fragen war nach den Gründen für das Unfaßbare.

Die Opfer des Selbstmordrituals in der knapp tausend Seelen zählenden Gemeinde von Jonestown waren allesamt Amerikaner, viele unter ihnen Angehörige von Minderheiten, fast jeder ein Misfit, ein. Mensch also, der nicht in das Getriebe der modernen Industriegesellschaft paßte oder passen wollte: jugendliche Straftäter, Drogenabhängige, Verkommene, Hoffnungslose aus den Armenvierteln – aber auch für eine bürgerliche Zukunft wohlerzogene Söhne und Töchter aus dem betuchten kalifornischen Mittelstand.

Die Frage liegt nahe: Ist das absurde Geschehen, der Ritualtod von Guyana, ein spezifisch amerikanisches Phänomen? Vielleicht das Abfallprodukt despursuit of happiness, des in der US-Verfassung verankerten Strebens nach Glück, das für viele so fragwürdig geworden ist? Waren nicht die ebenso unbegreiflichen Scheußlichkeiten, die – der von seinen Gefolgsleuten ebenfalls göttlich verehrte Charles Manson in Hollywood begehen ließ, auch auf amerikanischem Boden gewachsen?

Die Antwort lautet; nein. Die Abkehr vom bürgerlichen Dasein und Hinwendung zu Gruppen, die Unterwerfung fordern, ist weltweit. Vornehmlich sind es junge Mensehen, die sich in die Hörigkeit begeben. Das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit nimmt an, daß sich zwischen 100 000 und 150 000 deutsche Jugendliche den sogenannten Jugendsekten angeschlossen haben – Gemeinschaften, die von ihren Mitgliedern erhebliche materielle Opfer fordern und sie mit psychologischen Verwirrungstechniken gefügig machen. Und es handelt sich keineswegs nur um Sekten. Viele dieser Organisationenversprechen lediglich alternative Lebensweisen in Kommunen der Selbstlosigkeit, in Meditationszirkeln oder angeblich psychotherapeutischen Gruppen.

In der Regel geht es den sich als Hohepriester gebärdenden Managern dieser oft weltweit verzweigten Diktaturen allein üms Geld. Die ihrer Entscheidungsfreiheit beraubten Mitglieder müssen es beschaffen. Den "Göttern" der kleineres Gemeinschaften hingegen scheint mehr an der Befriedigung ihrer Machtlust gelegen sein, für die Betroffenen gibt es keinen Unterschied, sie müssen Ameisen sein und dazu singen; wenn man sie fragt, tun sie dies alle gern. Wenige nur erwachen gelegentlich aus der Trance, bäumen sich auf, aber werden von der eisernen Disziplin, die sie umgibt, und dem herrschenden Psychoterror schnell wieder in die Fron gezwungen – im Gefühl der Freiwilligkeit.