Von Theo Sommer

Das Rücktrittsgesuch des Generalinspekteurs Harald Wust ist ein Eingeständnis persönlichen Scheiterns, nicht das Zeichen einer tiefgreifenden Krise der Bundeswehr. Auf überraschende Weise korrigiert der oberste westdeutsche Offizier damit zwei Fehlentscheidungen: die Georg Leiters, der ihn vor zwei Jahren auf seinen Posten setzte; und jene Hans Apels, der bei seinem eigenen Amtsantritt im Februar Wust wider vielfältigen Ratschlag. der Bundeswehrspitze beließ.

Politische Bedeutung kommt der Demission nicht zu. Der Generalinspekteur stand auf niemandes Abschußliste. Die ungelenken, ungelenkten Angriffe der SPD-Verteidigungsexperten Ahlers und Buchstaller mochten ihn ärgern, aber er wußte, daß der Verteidigungsminister wie der Bundeskanzler beschlossen hatten, ihn trotzdem zu halten. Ohnedies konnte er sich nach langen Gesprächen mit Apel über die bevorstehende Bundestagsdebatte zum Spionagefall Lutze/Weigel gewiß sein, daß unbeschadet aller Versäumnisse der militärischen Führung personelle Konsequenzen nicht mehr gezogen werden sollten. Von einem sozialdemokratischen Kesseltreiben gegen Wust kann also nicht die Rede sein; um so weniger, als ja auch den Verteidigungspolitikern der Opposition Kritik an seiner Amtsführung keineswegs fremd gewesen ist.

Tatsache ist, daß General Wust auf seinem Posten von vornherein überfordert war. Ein Luftwaffenmann in einer Armee, deren Gros das Heer ausmacht; ein Fernmeldetechniker auch noch, kein Flieger; ein Technokrat obendrein, der Datenverarbeitung mit Planung verwechselte; ein Truppenführer schließlich ohne Truppenerfahrung und ein Bündnis-General ohne vorangegangene Nato-Verwendung – das wären selbst für einen umgänglicheren Offizier schwere Handikaps gewesen. Doch umgänglich war er gerade nicht, vielmehr in einen ständigen Grabenkrieg mit den Inspekteuren, den Staatssekretären und den Generälen verwickelt. Und er setzte keine klaren Akzente. In der Streitkräfteplanung mit den Schwerpunkten Wehrstruktur und Heeresstruktur wurde das besonders augenfällig. Fatal war es im militärpolitischen und militärstrategischen Bereich; da blendete sich die Hardthöhe unter Wusts Führung fast völlig aus einer Diskussion aus, die angesichts der neuen Waffenentwicklungen in Ost und West unter dem Gesichtspunkt der Rüstungsplanung wie der Rüstungskontrolle immer dringlicher geworden ist.

Hinzu kam, daß der Generalinspekteur in seinem eigenen Führungsstab wenig Durchblick und noch weniger Durchgriff bewies. Das wurde in der Lutze-Affäre offenkundig, die er von Anfang an mit unverständlicher Lässigkeit behandelte. Er verkannte die Tragweite des Vorgangs; so versäumte er, für eine konsequente Aufarbeitung zu sorgen. Der Lutze-Ausschuß hat ihm dies im einvernehmlichen Teil seines Berichtes unnachsichtig ins Stammbuch geschrieben. Wust sei von Anfang an über die Schwere des Verratsfalles im Bilde gewesen, heißt es da, er habe aber zu keiner Zeit von sich aus veranlaßt, die dringend erforderlichen Maßnahmen zur Bewertung und Minderung des militärischen Schadens einzuleiten. Im normalen Leben heißt so etwas Untauglichkeitszeugnis.

Hat ihn dies beschwert, weil es seine Autorität weiter untergraben mußte? Dann hätte es dem General freigestanden zu erklären, er glaube sich persönlich von dem Bericht nicht getroffen, fühle sich aber dennoch verantwortlich und erbitte daher seinen Abschied. Statt dessen zückte er am Dienstag aus heiterem Himmel sein Rücktrittsschreiben (Apel: "Ich bin wie vom Stuhl gehauen"). Die sechs Punkte, die er zur Begründung seines Schrittes anführte, sind allesamt von der Art, daß sie entweder kleinkariert wirken oder aber aus den Akten entkräftet werden können. Ein Ruch von Illoyalität haftet dem Vorgang an, der schon an Wusts Selbstverteidigung in der Leber-Krise peinlich auffiel. Ein besserer Abgang wäre dem Bundeswehrchef zu gönnen gewesen – und der Armee auch.

Der Generalinspekteur versieht ein schwieriges Amt. Er muß Truppenführer sein und Stratege, Bündnisdiplomat und Bürokrat, Anwalt der Streitkräfte und Interpret der Sicherheitspolitik. Er soll Ideen mobilisieren, sich nach der Etat-Decke strecken, die Erregbarkeit der Armee teils nutzen, teils dämpfen. Bei alledem darf er nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen, sondern muß sich der zivilen Gewalt unterordnen – in jedwedem politischen Umfeld; und es wird ihm gegenüber dem verantwortlichen Minister überdies auch noch ein hohes Maß an Loyalität abverlangt. Nicht jedem ist solch Seine Bündelung von Talenten gegeben. In einer modernen Armee sind sie gleichwohl vonnöten. Mit dem Marschallstab im Tornister ist es nicht mehr getan.