Über Kulturpreise in Deutschland gab es bisher, nur Meinungen und Vermutungen. Und wo es diese, die Vermutungen gab, waren sie wahrscheinlich falsch. Kein Mensch in diesem Land hätte sagen können, wie viele Preise, Stipendien, Orden und Ehrenurkunden in Deutschland vergeben werden; wieviel Geld neben dem Prestige auf dem Weg über Kulturpreise verteilt wird; ob die öffentliche Hand gebefreudiger ist als die private; oder gar, wie sie alle heißen und was sie laut ihren Satzungen sich vorgenommen haben. Und wer es sich nicht leisten wollte, das ganze Preiswesen als eine Lotterie mit undurchschaubaren Spielregeln anzusehen, also jene Referenten oder Dezernenten etwa, die in irgendeinem Budget einen Sondertitel "Kulturpreis" unterbringen konnten und nun entscheiden mußten, nach welchen Kriterien und in welcher Höhe und an welche Sparten der Preis am zweckmäßigsten zu vergeben sei; oder all die vielen Juroren, die sich den Kopf darüber zerbrachen, ob ein ins Auge gefaßter Kandidat nicht schon zu viele Preise erhalten hat, um nun auch noch mit irgendeiner Güldenen Feder beglückt zu werden – all diese in irgendeiner Weise professionell mit Kulturpreisen befaßten Persönlichkeiten mußten. bislang im dunkeln tappen.

Das muß ab sofort nicht mehr sein. Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand, die Autoren des Autoren- und des Künstlerreports, die in Deutschland eine Art Monopolstellung auf dem Gebiet der empirischen Durchleuchtung des Kulturbetriebs besitzen, haben im Auftrag und mit Mitteln des Bundesinnenministeriums in jahrelanger Kleinarbeit ein "Handbuch der Kulturpreise" zusammengestellt, verlegt im DuMont Buchverlag, Köln, fast 900 Seiten stark.

Es ist ein Buch zum Nachschlagen, komplett mit Adressen und der Höhe der Dotationen und den Namen der bisherigen Preisträger und sogar der Auskunft, ob man sich selber bewerben dürfe (die, würde sie ernstgenommen, manche Jury in Verlegenheit bringen könnte); dafür fehlen ihm blumige Selbstdarstellungen, die hier und da für Heiterkeit sorgen könnten, fehlen ihm auch die Skandale, die ab und an dafür sorgen, daß ein Kulturpreis ins Gerede kommt.

Denn: es gibt, wenn man den Kulturbegriff wie hier so weit faßt, daß er etwa Film, Design oder Photographie mit umfaßt, aber so eng, daß Wissenschaft und Politik ausgeschlossen sind, in Deutschland zur Zeit dem Namen nach reichlich 700 Kulturpreise, die im Jahr knapp 7000 verschiedene Auszeichnungen oder Fördergaben verteilen. Pro Tag 20 Preise; wollte die ZEIT sie alle verzeichnen, so müßte sie jede Woche einen Katalog von 140 Preisverleihungen enthalten.

Der Betrag, der in Form von Preisen die Gemeinten, die Urheber erreicht, beläuft sich auf etwa 29 Millionen Mark – und schrumpft drastisch, nämlich um weit über die Hälfte, wenn man die Bundesmittel zur Filmprojektförderung abzieht. 62 Prozent des Geldes wird von Gemeinden, Ländern und dem Bund aufgebracht; 17 Prozent von Betrieben, ein Prozent von einzelnen Mäzenen – der Rest stammt aus, dem öffentlichprivaten Zwischenbereich der Akademien, Medien und Verbände. Keine 100 der Preise sind höher als 10 000 Mark. (Abgesehen von dem deutschschweizerischen Ernst-von-Siemens-Musikpreis, der mit 150 000 Schweizer Franken verbunden ist, sind die höchsten deutschen Preise der Goethe- und der Adorno-Preis der Stadt Frankfurt, beide alle drei Jahre vergeben und je 50 000 Mark wert). 12 Prozent aller Preise sind Förderstipendien unter 6000 Mark, meist um 2000 Mark – Fälle, in denen der materielle Nutzen lachhaft ist (wie weit reichen 2000 Mark, wenn es darum geht, einem Künstler "Freiraum" für seine Arbeit zu schaffen?); hier berühmen sich nur noch die Mäzene selber. Auch die Rekordpreisträger nennt das Buch. 13mal ausgezeichnet wurde Peter Huchel, 12mal Wolfgang Koeppen und Heinz Piontek. 11mal: Heinrich Böll, Golo Mann und Carl Orff.

Daß dieser komplizierte und unüberschaubare Preisapparat irgendeine Gerechtigkeit hervorbringen könnte: das Handbuch bestärkt einen in solcher Zuversicht nicht. Rationeller und rationaler wäre das Verfahren sicherlich, wenn jede Stelle, die irgendeinen Preis stiftet, ihn in einen Fonds einzahlte, wenn ein raffiniert programmierter Computer die Verdienste der Preisanwärter speicherte und einmal im Jahr Die Große Deutsche Preisausschüttung besorgte. Aber wer will schon von einem Computer belobigt werden? Und welcher Geber wäre so selbstlos, daß er auf den matten Reflex des Preisglanzes, der auf ihn selber zurückfällt, ganz verzichten möchte? Dieter E. Zimmer