Einmal im Monat trifft sich etwa ein Dutzend Herren im noblen Century Club mitten im Herzen Manhattans zum Gruppenessen mit Dame. Die Herren in Anzug und Weste und die attraktive junge Dame sind Redakteure der angesehenen amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Scientific American, die sich zur Monatskonferenz in entsprechender Umgebung einfinden: gepflegtes Äußeres, gedämpfter Tonfall.

Angeführt von Verleger Gerard Piel und Chefredakteur Dennis Flanagan diskutiert die kleine, aber feine Journalistenrunde Hochwertiges aus der Feder führender Forscher: Berichte von Autoren, die sich nicht selten wenige Jahre später im illustren Kreis der Nobelpreisträger wiederfinden – wie etwa Roger Guillemin, Medizin-Laureat von 1977, und 64 andere.

Seitdem das Tandem Piel/Flanagan, beide ehemalige Redakteure der Illustrierten Life, die 1845 gegründete und damit älteste Zeitschrift der USA vor 30 Jahren für ein Butterbrot übernahmen, mauserte sich das in seiner langen Geschichte mehrmals total umgestellte Blatt zu der vielleicht besten Wissenschaftszeitschrift der Welt: Ein Blatt, eben noch verständlich für den interessierten Laien, das von Experten geschrieben und von Journalisten sehr gründlich redigiert wird und das seit jetzt 25 Jahren in einer fast unveränderten graphischen Aufmachung erscheint.

Das inhaltlich erfolgreiche Magazin ist auch ein geschäftlicher Erfolg. In den USA findet es monatlich rund 680 000 Käufer, dazu kommen weit mehr als 100 000 Bezieher der japanischen, italienischen, spanischen und französischen Lizenzausgaben. Seit Oktober gibt es nun diese erstrangige wissenschaftliche Informationsquelle auch in Deutsch. Unter dem Namen Spektrum der Wissenschaft vertreibt eine eigens vom amerikanischen Mutterhaus, dem Weinheimer Verlag Chemie und einigen privaten Gesellschaftern gegründeter Verlag den Scientific American als "internationale Ausgabe in deutscher Sprache" zum saftigen Einzelpreis von 7,80 Mark.

Auf den ersten Blick hat Spektrum mit dem Originalblatt wenig gemein: Wo auf dem weißen Scientific American-Titelbild vom August dieses Jahres eine Galerie zart gezeichneter Tomaten unbelästigt Aufmerksamkeit erregt, erdrückt der massige, schwarze Spektrum-Titel in der jüngsten Ausgabe dieselbe Zeichnung. Die Kollegen in New York reden schon von dem "schwarzen Baby aus Germany". Im Inneren des Heftes herrscht allerdings wieder die von Piel und Flanagan gesetzte Norm. Je acht lange Artikel informieren gründlich über naturwissenschaftliche, aber auch archäologische, soziologische und – eine Spezialität der US-Ausgabe – militärisch-strategische Themen. Je nach Angebot und Bedarf kann die deutsche Redaktion unter dem fünfzigjährigen promovierten Geologen Achim Schneider einen Artikel heimischer Produktion einwechseln.

Die deutsch-amerikanischen Verleger nahmen sich fürs Jahresende das bescheidene Ziel von 40 000 Käufern vor – und haben es schon erreicht. In drei bis fünf Jahren soll die Auflage bei 100 000 liegen: Eine Zahl, die bei den Verlegern der Konkurrenzprodukte Umschau und Bild der Wissenschaft nicht gerade Panik, aber doch Gedanken über die Qualität der eigenen Produkte auslösen sollte. Günter Haaf