Von Jürg Altwegg

Das erste Ereignis der Pariser Saison ist weder ein Buch, ein Film, noch eine Ausstellung oder eine Theateraufführung, sondern das Erscheinen des neuen "Figaro-Magazins" im Oktober, das sich als Sprachrohr und Sammelbecken des "Neuen Denkens" versteht. Diese "Neue Intelligenz" siedelt sich selber rechts von der Mitte an und beweist ihre haarscharfen denkerischen Fähigkeiten durch die plötzliche Einsicht, daß es zwischen rechts und links keine wesentlichen Unterschiede gebe – allenfalls: die Linke ist altväterisch und konservativ, die Rechte progressiv geworden.

Diese Geistes- und Begriffsverwirrung, übrigens nicht nur vom "Figaro" mit System betrieben, erstaunt weniger, wenn man weiß, daß es sich beim äußerst billigen, in mehr als einer halben Million Auflage vertriebenen Hochglanz-Wochenend-"Figaro" um das kulturelle Prestigeobjekt des weit rechtsaußen stehenden (handelnden) Pariser Pressezaren und ehemaligen Kollaborateurs mit der deutschen Besatzungsmacht, Robert Hersant, handelt.

Begonnen hatte Hersant mit dem publizistischen Geschäft während des Krieges: Von der deutschen "Propagandastaffel" bekam er die Erlaubnis, in Frankreich die "Junge Front" zu gründen. Nach der Befreiung lancierte er Erzeugnisse wie "Die gute Küche", "Der Kurzwarenhändler", "Ihr Strickzeug". Noch mehr Geld – ein riesiges Vermögen – machte er von 1950 an mit dem "Auto-Journal": Er als erster hatte die neue Kundschaft "gerochen". In der politischen Publizistik nahm niemand den Emporkömmling mit Vergangenheit ernst: Alle Versuche Hersants, bei seriösen Tageszeitungen einzusteigen, scheiterten.

Bis zu jenem Tage, da es Hersant gelang, "Paris-Normandie" dank heimlicher Aktienkäufe zu erwerben: Seine erste Zeitung, die im Widerstand gegen Hitler und Vichy entstanden war. So und ähnlich ging es weiter. Vor wenigen Jahren schließlich erstand er mit Geld, von dem man bei allem privatem Reichtum nicht weiß, woher es kam, den traditionsreichen "Figaro", den er vor den Märzwahlen skrupellos zu seinem persönlichen Propagandablatt degradierte. Praktisch alle Annexionen Hersants – insbesondere die Machtübernahme beim "France-Soir" – waren von Konflikten mit der Gesamtredaktion begleitet: Wechsel an der Spitze, Massenauszüge, Streiks (auch des technischen Personals). Hersant behielt stets die Oberhand.

Im Juli dieses Jahres hat der Warenhauskönig Marcel Fournier (Besitzer der "Carrefour"-Kette) dem bankrotten Textilbaron Marcel Boussac "L’Aurore" abgekauft – und bereits ist das traditionelle Rechtsblatt durch einen Inseratenpool sowie eine weitgehende drucktechnische Zusammenarbeit an die Hersant-Gruppe gebunden. Bei der Boulevardzeitung "Le Parisien libéré" hat André Fosset den verstorbenen Direktor Claude Bellenger abgelöst – Fosset bekleidet im Hersant-Imperium eine Spitzenposition. Von den fünf großen Pariser Tageszeitungen mit nationaler Ausstrahlung ("Figaro", "France-Soir", "Parisien libéré", "L’Aurore", "Le Monde") besitzt der französische Springer, der sich beim "Figaro" gleich selber zum "politischen Direktor", über die Redaktion ernannte, mindestens zwei, wahrscheinlich bereits drei- und möglicherweise bald vier.