Besorgte Pädagogen wollten es damals zuerst nicht glauben, daß die Kinder an Maurice Sendaks scheinbar so schrecklichen "wilden Kerlen" ihre helle Freude hatten. Anschließend allerdings lieferten sie hurtig und mit vielen klugen Worten die Begründung für dieses vermeintliche Phänomen nach. Daß das Andersartige seinen Schrecken verliert, wenn man ihm vorurteilsfrei begegnet und nicht die eigene Norm als Maß aller Dinge betrachtet, zeigt die Geschichte von

Frank R. Stockton: "Der Greif und der jüngste der Domherren", Bilder von Maurice Sendak, übersetzt von Käthe Recheis; Diogenes Verlag, Zürich; 56 S., 12,80 DM.

Sendak äußerte sich schwärmerisch, als er auf diese Geschichte stieß, die der leider fast vergessene Amerikaner Frank R. Stockton um 1870 geschrieben hatte: "Als ich ‚Der Greif und der jüngste der Domherren‘ las, war mir, als hätte ich eine Schatztruhe gefunden." Es ist eine im Sinne des Wortes rührende Erzählung. Da ist der furchterregende Greif, gigantisches Fabelwesen, halb Adler, halb Löwe, der zum Entsetzen der Bürger in die Stadt dringt, um sein steinernes Konterfei über dem Domportal zu betrachten. Und da ist der jüngste der Domherren, "der niedrigste aller Geistlichen der prächtigen Kathedrale", der sozusagen für die Dreckarbeit eingesetzt wird: die Armen und Kranken zu betreuen und "die schlimmsten Kinder der Stadt" zu unterrichten. Ihn schicken die verängstigten Bürger als Verhandlungspartner vor. Doch als sich enge Freundschaft entwickelt zwischen dem schrecklichen Wesen und dem kleinen Domherrn und der Greif die Stadt nicht wieder verlassen will, jagt man den mutigen Kanonikus in die Wildnis. Allerdings folgt ihm der Greif nicht, wie man gehofft hatte, sondern bleibt bei seinem steinernen Ebenbild und übernimmt die Funktionen des kleinen Domherrn. Dieses rundum schöne Buch ist (wie manche Diogenes-Kinderbücher) ein "Erwachsenenbuch". Kleinere Kinder werden ohne Interpretationshilfe kaum Zugang zu der melancholischen Botschaft der Erzählung finden, daß das Zusammenleben der Menschen nur funktioniert, wenn eine strafende Macht das Wohlverhalten kontrolliert. Der jüngste der Domherren wird Bischof, sein gefährlich starker Freund könnte ihm jederzeit zur Hilfe kommen. Zwar stirbt der Greif vor Hunger, weil er nur den Domherrn zum Fressen gern hat, aber: "Es war nur gut, daß die Bewohner der Stadt niemals davon erfuhren."

Spukig geht es auch in dem ganz und gar vergnüglichen, ernsten, kauzigen, frechen, lyrischen Bändchen zu von

Christa Zeuch: "Unten steht der Semmelbeiß", Gedichte für Kinder mit Bildern von Bettina Anrich-Wölfel; Anrich Verlag, Modautal-Neunkirchen 64 S., 11,80 DM.

Der Mond hängt fest, der Semmelbeiß hat lange Zähne, Egon Meier ißt ungeschälte Eier, das Nachtgespenst flieht vor Schreck, der Hexenklecks möchte eine Hexenfrau haben, der starke Charly ist vielleicht gar nicht so stark, was in der Wand piept, sind bloß die Mäuse... Christa Zeuchs Gedichte machen Freude, machen Mut, machen neugierig. Kongenial sind Bettina Anrich-Wölfels Bilder: originell, fein gezeichnet, phantasieanregend. Ja, eigentlich ist dies ein Bilderbuch, und es wird auch schon kleinen Kindern Spaß und Nachdenklichkeit vermitteln. Zum Selberlesen, zum Vorlesenlassen und zum Anschauen für kleine und große Leute!

Beim ersten Hinsehen denkt man: Naja, eins von den üblichen Schreibschrift-Büchern, nett gezeichnet, sauber geschrieben, ganz brauchbar zum Lesenlernen. Dann entdeckt man allerdings bei dieser merkwürdigen Eule, die den Winter ins Haus läßt, damit er sich ein bißchen aufwärmen, kann, die trotz ihrer Freundschaft mit dem Mond nachts schläft und die heftig weint, um einen Weingrog zu brauchen, ein paar Feinheiten, die dieses farbige Buch aus der Reihe "Lerne lesen" empfehlenswert machen. Es ist geschrieben und gezeichnet von