Patmos" nennt Hölderlin eine seiner späten Hymnen, die er dem Landgrafen von Homburg gewidmet hat. "Nah ist / und schwer zu fassen der Gott." Für Hölderlin ist Patmos der Topos ekstatischer Dichtung. Auf der Insel Patmos im Dodekanes ist, vermutlich um das Jahr 95, die Apokalypse entstanden, die Offenbarung des Johannes, das Buch mit den sieben Siegeln, das dunkelste, glühendste, bilderreichste, das je geschrieben wurde. Quot verba, tot mysteria, befand schon der Kirchenvater Hieronymus – so viele Worte wie Geheimnisse.

Kein Buch widerstrebe so sehr der Verbildlichung, schreibt der Kunsthistoriker und Theologe Frits van der Meer in seinem Buch

Frits van der Meer: "Apokalypse – Die Visionen des Johannes in der europäischen Kunst", Herder Verlag, Freiburg, 1978; 368 S., mit 82 Färbt, und 150 Schwarzweißabb., 178,– DM

und zeigt an einer überwältigenden Fülle von Beispielen, daß trotzdem und gerade deswegen die Offenbarung wie kaum ein anderes Buch die Phantasie der Künstler herausgefordert und sie zu grandiosen bildnerischen Ergebnissen inspiriert hat. Das Material ist so umfangreich, daß der Autor es um zwanzig Hauptwerke herum gruppiert hat, die ausführlich, auch unter theologischem Aspekt analysiert werden. Damit der Leser weiß, wovon die Rede ist, wurde der Text der Apokalypse dem Buch vorangestellt: so kann er sich über die literarische Herkunft der Bilder informieren und mit Bestürzung feststellen, daß selbst die kühnsten "surrealen" Erfindungen bildnerischer Imagination sich unmittelbar und wörtlich auf den Text der Apokalypse beziehen.

Die Darstellung beginnt bei den frühchristlichen Mosaiken in römischen Kirchen, wo das Gotteslamm umgeben von Lämmern erscheint: ein ausgesprochen friedliches Bild. Unter "apokalyptisch" sind, entgegen dem heutigen Sprachgebrauch, durchaus nicht nur endzeitliche Schreckensvisionen zu verstehen. Die Apokalypse ist auch und vor allem ein Trostbuch für die Verfolgten, das ihnen ein himmlisches Jerusalem als nahe Zukunft vor die Augen stellte. Erst in den Zyklen des hohen Mittelalters, den karolingischen, mozarabischen und anglonormannischen Buchmalereien werden Weltuntergang und kosmische Katastrophe zum bildnerischen Ereignis. In der gotischen Kathedrale findet die Offenbarungsthematik ihre Fortsetzung, auf doppelte Weise, einerseits in der Portalplastik (wenn etwa an der Kathedrale von Reims das Weib und der Drachen erscheinen) andererseits in der Glasmalerei (mit apokalyptischen Fensterrosen). Im 15. Jahrhundert, vom Genter Altar des Jan van Eyck bis zu Dürers Holzschnittfolge, erreicht die apokalyptische Kunst ihre intensivste Phase – es scheint, daß die Apokalypse gerade in Zeiten des Umbruchs, in Krisensituationen die Menschen oder die Künstler oder die Auftraggeber der Künstler beschäftigt hat. "Wo aber Gefahr ist / Wächst das Rettende auch", schreibt Hölderlin in "Patmos".

Das Buch endet mit Correggios Kuppelfresko in Parma, mit dieser gigantischen und schon manieristischen Vision des aufgerissenen Himmels. Der Autor hat darauf verzichtet, das apokalyptische Thema durch die Kunst der Neuzeit weiterzuverfolgen, wobei ihm das 20. Jahrhundert, man denke an Beckmanns "Apokalypse", große Bildbeispiele geliefert hätte. Aber das historische Material, vom 4. bis zum frühen 16, Jahrhundert, ist hier zum erstenmal in systematischer Breite aufgearbeitet und mit hervorragenden Reproduktionen dokumentiert.

Gottfried Sello