Bei spektakulären Prozessen lassen amerikanische Gerichte die Geschworenen oft in entfernten Städten unterbringen, um sie dem Einfluß der lokalen Medien fernzuhalten und so den Vorwurf der Befangenheit auszuschließen. Ein Rezensent, der sich dem vorliegenden Buch halbwegs unbefangen nähern wollte, müßte die letzten zwölf Monate möglichst weit weg, vielleicht auf den Galapagos, verbracht haben. Denn sowohl der Stoff von –

Peter O. Chotjewitz: "Die Herren des Morgengrauens Roman; Rotbuch Verlag, Berlin, 1978; 190 Seiten, 12,– DM

als auch die Umstände der Veröffentlichung sind publizistisch schon soweit ausgeschlachtet worden, daß gewissermaßen von einer Vorverurteilung gesprochen werden muß.

In die Schlagzeilen war der Name Chotjewitz zuletzt geraten, als der Bertelsmann Verlag, dessen "AutorenEdition" Chotjewitz’ Roman angenommen hatte, sein Veto gegen die Veröffentlichung einlegte und die sich anschließende Auseinandersetzung zum Anlaß nahm, die ungeliebte AutorenEdition gleich ganz loszuwerden (ZEIT vom 11. August 1978). Zwar hat die Autoren Edition inzwischen einen neuen Verlag gefunden, und "Die Herren des Morgengrauens" wurden vom Rotbuch Verlag übernommen; aber damit war die Diffamierungskampagne nicht aus der Welt, die, unter eklatantem Verstoß gegen den Grundsatz der Unschuldsvermutung, nach Eröffnung eines (jetzt eingestellten) Ermittlungsverfahrens gegen Peter O. Chotjewitz angelaufen war. Es bleibt die Erfahrung, daß hierzulande ein amtlich geäußerter bloßer Verdacht genügt, um jemanden wie einen Leprakranken auszustoßen; und daß als offenbar alarmierendstes Krankheitssymptom gilt, im Zusammenhang mit Begriffen wie Terror, Gewalt und Aufforderung zu derselben öffentlich erwähnt zu sein.

Ich habe "Die Herren des Morgengrauens" alles andere als unbefangen gelesen. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, bis zu welchem Grad diese Befangenheit meine Lektüre gesteuert hat. Natürlich bilde ich mir ein, daß meine Enttäuschung über "Die Herren des Morgengrauens" ganz unabhängig von meiner Befangenheit zustandekam. Enttäuscht hat mich, daß Chotjewitz einen brauchbaren Ansatz ohne Not, wie mir scheint, verschenkt und in Geschwätzigkeit untergehen läßt.

Diesen guten Ansatz sehe ich in der entschieden subjektiven Perspektive, unter der Chotjewitz die Erfahrung des Überwacht- und Verfolgtwerdens zur Sprache bringt. Wenn er dabei auch eine fiktive Figur vorschiebt, so macht er keinen Hehl daraus, daß er von nichts anderem als den Erlebnissen des Schriftstellers und Rechtsanwalts Peter O. Chotjewitz spricht, der in dem nordhessischen Dorf Kruspis lebt, sich eines schönen Tages verdächtigt, beobachtet, von allen Seiten umzingelt sieht.

Ehe noch der erste Polizist das Haus dieses Chotjewitz-Doubles namens Fritz Buchonia betreten hat, gerät der Alltag völlig aus den Fugen. Fritz Buchonia beginnt sich so zu verhalten, als würde er ständig beobachtet und als müsse er die unsichtbaren Beobachter unter allen Umständen davon überzeugen, daß sie einen, wenn auch schrulligen, so doch vollkommen harmlosen Zeitgenossen vor sich haben. "Auch wenn er im Herbst", heißt es einmal, "jeden Vormittag eine gute Stunde lang vor dem Haus stand und das Holz für den Winter spaltete, fühlte er sich vom Herberg aus beobachtet. Sobald ihn dieser Gedanke befiel, änderte er seine Bewegungen und seinen Gesichtsausdruck, zerteilte das Holz schneller und geschickter als sonst, um seinen Beobachtern zu imponieren, richtete sich zuweilen auf, die Axt über die Schulter gelegt, wie eine Statue, und präsentierte dem Herberg die schmalen Schultern, die ihm in solchen Augenblicken breiter vorkamen."