Abschied vom Keynesianismus - über was danach?

Von Rudolf Hickel

Die akademische aber auch wirtschaftspolitische Kontroverse über die Leistungsfähigkeit keynesianischer Globalsteuerungspolitik läßt sich kaum noch übersehen. Sie wird – wie jetzt auch die Jahrestagung des "Vereins für Sozialpolitik" in Hamburg gezeigt hat – mit aller Härte ausgetragen. Über die fundamentale Frage "Reguliert sich das Wirtschaftssystem von selbst?" die Lord John Maynard Keynes einem populärwissenschaftlichen Rundfunkvortrag 1934 vorangestellt hat, scheint vier Jahrzehnte später erneut ein Glaubenskrieg ausgebrochen zu sein.

Der fraktionenbildende Zweifel an der keynesianischen Gewißheit, staatliche Wirtschaftspolitik könne die "inneren Komplikationen der Privatwirtschaft" (Keynes) auflösen, hat einen harten, realen Hintergrund. Das weltweit gefeierte "Stabilitäts- und Wachstumsgesetz das die "Große Koalition" 1967 gerade noch rechtzeitig angesichts des ersten, leichten Produktions- und Beschäftigungseinbruchs getreu der Keynesschen Lehre zusammenschweißte, konnte in den vergangenen elf Jahren das wirtschaftliche Auf und Ab kaum im Zaume halten. Die vier gesamtwirtschaftlichen Ziele (Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität, stetiges Wirtschaftswachstum, außenwirtschaftliches Gleichgewicht) sind mit dieser gesetzlich verordneten Allianz zwischen "Freiburger Imperativ" (marktwirtschaftliche MikroSteuerung) und "Keynesscher Botschaft" (globale MakroSteuerung) weitaus schlechter erreicht worden, als in den Jahren davor.

Schien die Globalsteuerungspolitik gerade noch den Aufschwung aus der Krise 1966/67 zu bewerkstelligen, So blieb ihr seit der wirtschaftlichen Krise 1974/75 offensichtlich der Erfolg endgültig versagt. Getreu dem keynesianischen Credo, über Verbesserung privater Gewinne beziehungsweise Gewinnerwartungen beschäftigungswirksames Wirtschaftswachstum wieder in Gang zu setzen, sind steuerliche Entlastungsaber auch nachfragesteigernde Ausgabenprogramme in atemberaubendem Wechsel realisiert worden. Zwischenzeitlich hat das Wirtschaftssystem etwa siebzig Milliarden Mark verschluckt, ohne eine nachhaltige Verbesserung vor allem im sozial und politisch relevanten Bereich der Arbeitslosigkeit zu bringen.

Die Keynessche "Anklage"

Das Wirtschaftssystem gleicht eher einer gefräßigen Kuh, die immer mehr staatlich finanziertes Gras käut, ohne auch nur einen Jota mehr Milch zu geben. Zwischen: den optimistischen. Ansprüchen und dem Erfolg keynesianischer Wirtschaftspolitik klafft eine theoretisch ebenso wie politisch dringend zu schließende Lücke.