Die Konsequenzen, die aus dieser manifesten Krise des Keynesianismus gezogen werden, müssen den unbefangenen Beobachter irritieren. Im Kampf um das keynesianische Erbe stehen sich mindestens zwei unversöhnliche Hauptströmungen gegenüber: Während eine tonangebende Gruppe von Ökonomen mit der Wiederentdeckung interventionsfreier, selbstregulierungsfähiger Marktwirtschaften endgültig von der "antizyklischen Fiskal- und Geldpolitik" à la Keynes den Abschied erzwingen will, versucht eine andere, ungleich weniger starke, kritische Richtung auf der Basis keynesianischer Ideen den weiteren Ausbau des politischen Interventions- und Steuerungsinstrumentariums angesichts wachsender Krisenanfälligkeit privat-dezentraler Systeme zu forcieren.

Bei den systemkritischen aber vor allem auch marktorthodoxen Vereinnahmungsversuchen schwindet der "authentische" Inhalt der "Keynesschen Botschaft" immer mehr dahin. Zu Recht hat deshalb die neuere Keynes-Forschung auf die paradox klingende Frage abgestellt: "War Keynes überhaupt’ ein Keynesianer?" (A. Leijonhufvud).

Unbestreitbar ist, was die Keynesianer aus der Keynesschen Theorie zwischenzeitlich gemacht haben und was sich vor allem als Lehrbuchweisheit niederschlägt, trägt gelegentlich unzulässig simplifizierende, teilweise aber auch "vulgärkeynesianische" Züge. Dieser Vorwurf trifft aber auch all die Versuche, die den systemkritischen Stachel abbrechen wollen und eine späte Versöhnung Keynes mit den Vorstellungen von der Selbstheilungskraft – der Marktwirtschaft beabsichtigen.

Worin liegt also, diese Frage ist angesichts der unterschiedlichen Versöhnungsversuche von größter Relevanz, die "Anklage" gegenüber dem "System freier Unternehmerwirtschaft"? Der Grundgedanke: Entgegen der Annahme Orthodoxer Marktwirtschaftstheoretiker, alle produzierten Güter würden schon über das verdiente Geld ihren Absatz finden, weist Keynes nach, daß vielmehr die effektive Nachfrage über das Produktionsangebot und damit über die Beschäftigung entscheidet. Und diese, über die gesamtwirtschaftliche Nachfrage festgelegte Beschäftigung muß keineswegs mit der Situation übereinstimmen, wo alle, zu einem vorgegebenen Lohnsatz, Arbeitswilligen auch Arbeit finden.

Es kann deshalb marktwirtschaftlich verursachte "unfreiwillige" Arbeitslosigkeit vorherrschen. Die klassischen Selbstheilungskräfte des Marktes versagen; es gibt, keinen. Münchhausen-Effekt der dieses Wirtschaftssystem automatischauf die Spur ins gelobte-Land der Vollbeschäftiging versetzt.

Das privat-denzentrale Produktions- und Ver- – teilungssystem leidet – so die Grundidee – unter einer "Rationalitätsfalle": Einzelwirtschaftlich durchaus rationale Produktionseinschränkung bei mangelnder Nachfrage pflanzt sich über weiteren Produktions-, Einkommens- und Nachfrageausfall in Form einer Kettenreaktion in die letzte Ecke der Wirtschaft fort – bis schließlich ein Zustand festgeschrieben wird, bei dem Arbeitslosigkeit, Unterauslastung der Kapazitäten oder – wie es Keynes einmal nannte – "Armut im Reichtum" existieren. Diese "innere Komplikation" jedoch hält Keynes "ohne Notwendigkeit drastischer sozialer Veränderungen" prinzipiell für lösbar, denn der außerhalb der Wirtschaftskonkurrenz stehende Staat vermag diesen "inneren Teufelskreis" der Marktwirtschaft durch ein geschicktes Management der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu durchbrechen und entsprechend Vollbeschäftigung herzustellen. Der Keynessche Marktpessimismus ist also nicht mit einer allgemeinen Systemkritik zu verwechseln, denn Keynes glaubt ohne Einschränkung an die Möglichkeit der Stabilisierung des gesamten Systems einer "gemischten Wirtschaft". Staatliche Wirtschaftspolitik, die sich kompensatorisch und ausbalancierend auf die marktwirtschaftlichen Koordinierungsmängel zu beziehen hat, stellt das Systemgleichgewicht wieder her; sie wird zum Rettungsanker des entwickelten Kapitalismus. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite aber sind diese staatlichen Eingriffe der Preis, der für diese Stabilisierung gezahlt werden muß. Marktwirtschaften verlieren dadurch ihre staatliche Unberührtheit; dem rahmensichernden, ordnenden, Staat wächst die stabilitätspolitische Interventionsfunktion zu. Dieser interventionsoptimistische Keynesianismus mußte daher von Anfang an scharfe Attacken orthodoxer Marktwirtschaftler hervorrufen, denn er