Arbeitskampf in der Stahlindustrie hilft kein Problem lösen

Von Michael Jungblut

Ein halbes Jahrhundert lang herrschte in der deutschen Stahlindustrie Arbeitsfrieden. Jetzt, ausgerechnet in einer Zeit, in der sich die Wirtschaft endlich aus der zähesten Krise der Nachkriegszeit herauszuarbeiten scheint, finden in einer Schlüsselindustrie soziale Auseinandersetzungen statt, deren drohende Eskalation unkalkulierbare wirtschaftliche und politische Folgen haben kann. Was steckt dahinter?

Vordergründig geht es vor allem um den "Einstieg in die 35-Stunden-Woche". Die IG-Metall will ihn in der Stahlindustrie erzwingen, weil sich angeblich nur so bedrohte Arbeitsplätze retten lassen. Die Arbeitgeber behaupten das Gegenteil; sie boten zum Schluß sechs Wochen Urlaub für alle.

Wer sich nicht in Spitzfindigkeiten ergehen will, dem wird es schwerfallen, den fundamentalen Unterschied zwischen diesen beiden Positionen zu erkennen. Da auch die Gewerkschaft die gekürzten Wochenstunden zu zusätzlichen Feiertagen addieren will, ist der Unterschied zu mehr Urlaubstagen nicht so gewaltig, daß deshalb ein Streik vom Zaun gebrochen werden müßte. Zu allem Überfluß hat sich die IG Metall auch noch dadurch lächerlich gemacht, daß sie zur gleichen Zeit in Stuttgart fordert, was sie an der Ruhr als untauglich zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ablehnt: eine Verlängerung des Urlaubs auf sechs Wochen.

Starrheit als Strategie

Untauglich zur Erhaltung von Arbeitsplätzen ist ohnehin beides. Mehr Urlaub oder kürzere Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich führen ebenso wie höhere Löhne zu steigenden Kosten. Steigende Kosten zwingen vor allem in Krisenbranchen zur Rationalisierung. Und das bedeutet unter den gegebenen Umständen Einsparung von Arbeitskraft – nicht Sicherung von Arbeitsplätzen.