Amerikas neue Manieren" ist ein Artikel im jüngsten Time-Magazin überschrieben. "Es ist äußerst schwierig geworden, höflich zu sein", klagt der Autor. Im Mittelpunkt seiner Verwirrung über die Fragen des Anstands stehen die Umgangsformen der Geschlechter untereinander. Zwei Beispiele: Acht Männer und eine Frau, die im selben Büro arbeiten, fahren nach der Mittagspause zusammen im Fahrstuhl zurück zur Arbeit. Die Frau steht natürlich ganz hinten in der Ecke, weil die Männer sich höflich zurückgehalten haben, um sie zuerst einsteigen zu lassen. Im achten Stock hält der Fahrstuhl; die Tür öffnet sich: Die Männer atmen tief ein, rollen ihre Augen gen Himmel, wedeln mit den Armen, drängen sich beiseite, damit die Frau, dieses zerbrechliche Wesen, zuerst aussteige, im Gefolge acht Männer mit Martini-Fahne.

Oder: Harvard-Professor Alan Dershowitz führt eine Frau zum Essen aus. Als die Rechnung kommt und er sich anschickt, sie zu bezahlen, greift die Frau danach und fragt: "Versuchen Sie etwa, mich zu dominieren?" An dieser Stelle wird der Autor des Artikels böse und verwünscht die Dame: "Möge sie für den Rest ihres Lebens alleine speisen, vornehmlich in schlechten Restaurants" – (Kampfstimmung.)

Beide Szenen sind gleich lächerlich: Das Tohuwabohu im Fahrstuhl, die "alte" Höflichkeit der Männer als Tribut an das "schwache Geschlecht", und die "neue", zugegeben leicht verkrampfte Reaktion der Frauen auf etwas, das doch bisher immer selbstverständlich war: Dem Manne wird die Rechnung präsentiert, der Mann zahlt, auch wenn’s ihm noch so schwerfällt, es ist ein Attribut seiner Männlichkeit.

Weitere Beispiele des alltäglichen Umgangs der Männer mit den Frauen, der Frauen mit den Männern, der, wie gesagt, immer schwieriger zu gestalten ist, lassen sich auch hierzulande leicht finden – wir sind auf die Nachrichten aus der Neuen Welt gar nicht angewiesen. Ich schicke mich an, mir eine Zigarette anzuzünden. Links und rechts flammen Feuerzeuge auf, der Herr mir gegenüber entwindet meinen Fingern das schon brennende Streichholz. Feuer für die Dame! befiehlt ihm eine innere Stimme.

Andererseits passiert es häufiger in letzter Zeit, daß eine Tür, durch die eben noch ein Mann ging, einem vor der Nase zuschlägt. Oder: Ein junger Mann zerbricht sich den Kopf darüber, ob er einer Frau noch in den Mantel helfen darf. Denn was einst selbstverständlich war, so hat er herausgefunden, ist nicht mehr in jedem Falle angebracht: Die eine oder andere könnte ihn für einen Chauvinisten halten.

Umgekehrt: Soll ich dem Herrn in der U-Bahn erklären, warum ich seinen letzten Platz nicht brauche, soll ich einfach annehmen, weil Erklärungen zu Umständlich sind, eine Ablehnung aber seinen ärgerlichen Spott provoziert: "Aha, eine Emanzipierte!"

Szenen aus dem Alltag – überflüssig zu sagen, daß dahinter die Frauenbewegung steckt. Hilfe muß her, um die Verwirrung zu ordnen. Sie kommt von Letitia Baldrige aus New York. Die erfolgreiche Unternehmerin und Feministin hat ein altes Werk über gutes Benehmen überarbeitet: "The Complete Book of Etiquette": "Wer immer vorangeht, öffnet die Tür und hält sie den Nachfolgenden offen" empfiehlt sie; "Leute, die den Fahrstuhl verlassen, tun dies in logischer Reihenfolge: Wer vorne steht, geht zuerst. Jeder von uns zieht seinen oder ihren Mantel alleine an. Wer jedoch sieht, daß sich jemand dabei verheddert, hilft ihm. Wer immer an der Reihe ist, bezahlt die Rechnung im Restaurant. Ein Mann oder eine Frau steht auf, um einen männlichen oder weiblichen Besucher zu begrüßen. Und auf das Ritual des Zigarettenanzündens können wir auch verzichten."

Die Regeln sind einfach und einleuchtend, ohne die Höflichkeit abzuschaffen, im Gegenteil: Danach dürfen auch Frauen sich hilfsbereit zeigen. Doch Letitia Baldrige geht davon aus, daß wir schon in einer Welt der Gleichberechtigung leben, die nach den Prinzipien der Zweckmäßigkeit, Freundlichkeit und des gesunden Menschenverstands funktioniert. Das ist ein bißchen voreilig, und so werden wir uns noch ein. Weilchen auf die Füße treten, ehe wir erneut Fuß gefaßt haben. Margrit Gerste