Der englische’ Landpfarrer in Yorkshire hatte zwanzig Jahre lang wohl Predigten und Briefe geschrieben: aber erst als er 45 Jahre alt war und seine Frau nicht mehr lieben konnte, wurde er 1758 Schriftsteller. Er fing an, den Roman "The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman" zu schreiben. Er schrieb daran bis kurz vor seinem Tod.

Den Tod ständig vor Augen, schrieb der seit seiner Studentenzeit offensichtlich Lungenkranke, zehn Jahre lang, was die Feder hergab: darunter vor allem noch seine "Sentimentale Reise durch Frankreich und Italien", die Italien nie erreichte und den Kult des "Sentimentalen" wo nicht geradezu erfand, so doch weltberühmt machte. Aber das Buch seines Lebens war "Tristram Shandy".

Auch Tristram Shandy kommt nie nach Italien, will sagen: vom Leben der Titelfigur erfährt man wenig und von seinen Meinungen noch weniger – allenfalls so etwas: "What a jovial and merry world would this be, may it please your worships, but for that inextricable Labyrinth of debts, cares, woes, want, grief, discontent, melancholy, lange jointures, impositions, and lies!"

Im übrigen geht es um: das Aufziehen von Uhren, Spermatozoen, Horaz, Hebammen, Steckenpferde, Namen, Ballistik und Festungsbau, Predigten, das Gewissen, Leib und Seele, Zangengeburt, Witz und Urteilkraft, quietschende Türangeln, Nasen und Brüste, Schwangerschaft, Schlaf, Kastanien, Whiskers, Hausmädchen, Knopflöcher, Beschneidung, die Belagerung von Namur, Ärzte, Gesundheit, die Goten, Hosen, Pfeifen, den gerechten Krieg, die Liebe, Witwen, die Straßen nach Paris, Postkutschen, die Maultiere der Äbtissin, Jungfräulichkeit, Avignon und das Languedoc, Wassertrinker, den König von Böhmen, die Hilfe von Massagen bei Verwundungen, Schlüssellöcher, Ehemänner – kurz: eine Cock-and-Bull-Story.

Wenn das Buch überhaupt einen Helden hat, dann ist es des Vaters Bruder, Onkel Toby, dessen ganzes Denken, dessen Liebeswerben sogar, von Bildern des Krieges, in dem er peinlich verwundet wurde, nicht loskommt und der dennoch in die Weltliteratur eingegangen ist als die eindrucksvollste Überwindung der von Balzac beklagten Schwierigkeit des Romanciers, einen guten Menschen darzustellen: "le difficile Probleme litteraire qui consiste à rendre interessant un personnage vertueux".

Der Landpfarrer aus Yorkshire stellte alles, was bis dahin mühsam als "Roman" sich etabliert hatte – bei Fielding, Smollet, Richardson – auf den Kopf. Die Geschichte fängt an mit der liebevoll und langwierig geschilderten Zeugung Tristrams und endet, eine chronologische Ordnung immer verschmähend, vier Jahre vor dessen Geburt – der Rest sind Abschweifungen. Im eigentlichen Sinne "spannend" ist das wahrhaftig nicht. An Laurence Sterne scheiden sich, die Leser. Erst wer über Seite 100 hinaus ist, kann hoffen, und sei es aus schiefer Hartnäckigkeit, bis zum Ende vorzudringen. Am Ende bereut er es wohl nicht. Männern sagt Tristram offenbar mehr als Frauen, Älteren mehr als Jüngeren, Belesenen mehr als Anfängern im Lesen.

Die Kritiker und Kollegen seiner Zeit lehnten ihn ab: was et schreibe, sei unmoralisch und total verworren. Heine sah das anders, richtiger: "Der Verfasser des ‚Tristram Shandy‘ zeigt uns die verborgensten Tiefen der Seele; er öffnet eine Luke der Seele, erlaubt uns einen Blick in ihre Abgründe, Paradiese und Schmutzwinkel und läßt gleich die Gardine davor wieder fallen" (Die romantische Schule).