Der Betrug am Käufer beginnt in der Fabrik

Von Franz Schöler

Ausgerechnet Jerry Moss, neben dem Trompeter Herb Alpen Mitinhaber von A & M, der größten unabhängigen Plattenfirma der USA, griff kürzlich auf einem Kongreß die gesamte amerikanische Schallplattenindustrie scharf an. "Es gibt dunkle Wolken am Horizont", sagte Moss, "und sie heißen Warner Bros, und CBS. Die Plattenabteilungen dieser Konzerne sind, glaube ich, nur daran interessiert, möglichst viel Geld zu machen. Es ist nichts Schlechtes, viel Geld zu machen. Aber die Industrie und der Konsument werden in Mitleidenschaft gezogen!" Was Moss meinte, war die oft miserable Preßqualität amerikanischer Platten, die letzthin bei einigen Preßwerken zu Remittendenquoten bis zu 40 Prozent führte.

Dazu muß man wissen, daß drei Konzerne den allergrößten Teil sämtlicher US-Platten pressen, nämlich CBS, Capitol und RCA. Die Firma A & M läßt ihre Platten etwa zu 50 Prozent von der – von Moss so scharf attackierten – CBS pressen, während die Platten des Branchenführers WEA in Amerika zu 90 Prozent von Capitol gefertigt werden. (Der Chef des Jazz-Labels ECM, Manfred Eichner, läßt seine in den USA jetzt von Warner Bros. vertriebenen Platten nicht von Capitol pressen, sondern hat sich aus traditionellem Qualitätsbewußtsein ein kleines Preßwerk mit hohem Fertigungsstandard ausgesucht!)

Wie recht Jerry Moss hat, bestätigen nicht nur die hohe Rücklaufquote an mechanisch mangelhaften Platten, sondern gerade auch zwei spektakuläre Fälle der letzten Wochen. So ließ beispielsweise der Rocksänger Neil Young unter anderem wegen unbefriedigender Preßqualität mehr als 500 000 neue Pressungen seines letzten Albums "Comes A Time" im Werk einstampfen und schaffte damit einen aufsehenerregenden Präzedenzfall. Beim Stückpreis von 60 Cent pro LP-Exemplar verlor der WEA-Konzern, genauer: die Preßfabrik der Capitol damit 300 000 Dollar. Großes Aufsehen erregt auch die britische Gruppe Electric Light Orchestra, bekannt für ihre technisch exzellenten Platten. In ganzseitigen Anzeigen, die in sämtlichen Branchenblättern plaziert wurden, warnte sie Handel und Endverbraucher vor dem Ankauf und Vertrieb unautorisierter Pressungen ihres Albums "Out Of The Blue", die defekt waren – sie würden im Zweifelsfall nicht vom Lizenznehmer, der Plattenfirma CBS und Tet Records, zurückgenommen und umgetauscht.

Wer wo aus welchem Grund in der Bundesrepublik seine Platten pressen läßt, ist noch weit undurchsichtiger als in den USA. Wegen der hohen Nachfrage werden ans Kapazitätsgründen viele Single- und LP-Besrseller bei den verschiedensten Werken in Lohnpressung hergestellt. Entsprechend unterschiedlich ist leider auch die fertigungstechnische Qualität des Endprodukts, das man dann im Laden kauft. Eine bekannte amerikanische Plattenfirma laßt beispielsweise ihr gesamtes Pop-Produkt in oft zweifelhafter Qualität im Zentralwerk in Holland pressen (während ihr Klassik-Repertoire bei der Deutschen Grammophon in Hannover-Langenhagen entsteht). Eine andere US-Filiale erhielt monatelang während der Urlaubszeit 1978 bis zu vier Millimeter exzentrische Platten. Und die Fertigungsqualität der Schallplatten-Division des größten europäischen Buchherstellers in Gütersloh ist in manchen Fällen auch nicht gerade berühmt, um vorsichtig zu untertreiben: Von der Sonooress habe ich schon Rezensionsplatten erhalten, die einen Höhenschlag von sage und schreibe elf Millimeter aufwiesen!

Wer kaufte ein zerfleddertes Buch?