Tschernenko: Neuer Kronprinz im sowjetischen Politbüro? – Seite 1

Umbesetzungen im Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU lassen darauf schließen, daß Breschnjews Führung noch immer umstritten ist: Sein Adlatus Tschernenko wurde ins Zentrum der Macht geholt.

Wo immer Leonid Breschnjew in letzter Zeit auftritt, verfolgt ihn wie ein Schatten ein weißhaariger, etwas rundgesichtig-bullig wirkender, älterer Herr. Seine Anwesenheit ist keineswegs immer durch das Protokoll oder die Sachkompetenz vorgeschrieben. Aber er ist stets zur Stelle, wenn es etwa dem 72jährigen Parteichef nicht gleich gelingt, die Lenin-Orden an die Brust der zurückgekehrten Kosmonauten zu heften, oder er sitzt plötzlich – obwohl bisher für sowjetische Partei-Interna zuständig – neben Breschnjew und Suslow am Tisch des Warschauer Pakt-Gipfels. Seit gestern steht dieser engste Breschnjew-Vertraute der letzten Jahre nun auch im Zentrum der Sowjetmacht: Konstantin Tschernenko, 67 Jahre alt, in Sibirien geboren, Zeit seines Lebens ein typischer Vertreter des Partei-Apparates, hat in den letzten drei Jahren die schnellste Karriere gemacht, die seit dem Kriegsende überhaupt einem Sowjetführer gelungen ist.

Seit seiner gestrigen Ernennung zum Vollmitglied des Politbüros, steht Tschernenko, der gleichzeitig ZK-Sekretär ist, in der Kombination dieser wichtigsten Parteiämter neben Breschnjew, neben dem alten Chef-Ideologen und Königsmacher Suslow und neben dem bisher als Übergangskandidat Nr. 1 geltenden Parteiorganisator Andrej Kirilenko.

Der massiv wirkende Funktionär zieht heute zweifellos alle organisatorischen Fäden für Breschnjews Berater und Verbündete wie effektiv Tschernenko das tut, zeigen die ständigen Erfolge des Breschnjew-Clans bei allen personellen Umbesetzungen. Freilich ist Tschernenko bisher ein reiner Organisator von Partei- und Sicherheitsdiensten, Agitation und Propaganda, dem die Erfahrung in den anderen drei wichtigsten Bereichen fehlt: in der Außenpolitik, in Militärfragen und in der Wirtschaftsorganisation. Auch könnte es bei einer bestimmten Nachfolge-Konstellation gerade gegen ihn ausschlagen, daß er bisher nur als Breschnjews rechte Hand agiert hat.

Tschernenko also als neuen Kronprinzen zu feiern, erscheint zumindest verfrüht. Tatsache ist nur, daß mit ihm und mit Kirlenko jetzt zwei Übergangskandidaten bereitstehen: Würde der eine Parteichef, könnte der andere das Alltags-Management der Parteiorganisation ausüben, das zur Zeit schon in den Händen Kirilenkos liegt. Genau besehen ist also mit der Herausstellung Tschernenkos, der als politische Führungsfigur bisher noch keinerlei Profil und Ausstrahlung zeigen konnte, wieder vermieden worden, einen würdigen Kronprinzen aufzubauen. Die beiden Männer, die nach dem Herztod des Landwirtschaftsexperten Kulakow für die Rolle des Kronprinzen die größten Fähigkeiten mitbringen, haben keinen weiteren Schritt ins Zentrum der Macht getan:

  • Der straffe Leningrader Parteichef Romanow, das jüngste Politbüromitglied, ist nicht zusätzlich mit einem ZK-Sekretariat betraut worden.
  • Der seit langem als begabtester Mann in der Sowjet-Führung geltende Juri Andropow hat sein Amt als KGB-Chef noch immer nicht abgegeben – und aus diesem Amt kann er nicht übergangslos in die Rolle des Parteichefs schlüpfen.

Nicht überraschend kommt das Ausscheiden des Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten Masurow aus dem Politbüro. Der Weißrusse galt zwar lange als potentieller Nachfolger Kossigyns im Amt des Regierungschefs, aber er hat sich seit dem Sturz seines Verbündeten, des letzten offenen Breschnjew-Konkurrenten Alexander Scheljepin, nie wieder politisch erholen können. Demonstrativ kritisierte Breschnjew in seiner Rede vor dem ZK-Plenum denn auch jene Bereiche der Industrieproduktion, für die Masurow besonders zuständig ist.

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Die Ernennung des georgischen Parteichefs Schewarnadse zum Politbüro-Kandidaten kommt schließlich auch nicht überraschend. Schon der von Schewarnadse wegen Korruption vor einigen Jahren abgelöste Mschawanadse war Politbüro-Kandidat. Schewarnadse gilt als einer der geschicktesten Taktiker, dem es auch durch mutigen persönlichen Einsatz gelungen ist, die nationalen Spannungen in Georgien wenigstens Unter Kontrolle zu halten. Seine Ernennung zeigt, welche Bedeutung die Zentrale in Moskau der Situation in Georgien beimißt.

Christian Schmidt-Häuer (Moskau)