Einer kam kaum mit dem Leben davon – Nächtlicher Überfall

Von Jost Nolte

Das Volk ist zweifach vertreten – durch die Große Strafkammer, die in seinem Namen Recht sprechen soll, und durch Leute auf den Zuschauerbänken, die im selben Namen murren. Die Strafkammer befleißigt sich unverkennbar eines zügigen Verfahrens. Am dritten, spätestens am vierten Verhandlungstag soll das Urteil kommen. Den Zuschauern geht es trotzdem nicht schnell genug. Sie wollen kurzen Prozeß. Einer von ihnen verlangt: "Rauslassen und einmal durch Berne jagen, dann hat es sich." – Richter Lynch läßt grüßen.

Was die Leute empört, hat sich am 28. April 1978 spätabends auf dem Vorplatz des U-Bahnhofs Berne im nordöstlichen Hamburg ereignet. Die Staatsanwaltschaft wirft vier jungen Männern vor, sich grundlos, aber "im bewußten und gewollten Zusammenwirken" auf fünf Gleichaltrige gestürzt, sie mit Fäusten, Füßen und vollen Bierflaschen angegriffen und zu Boden gestreckt zu haben. Zwei der Angeklagten sollen außerdem drei Geschädigten mit abgebrochenen Flaschenhälsen erhebliche, in einem Fall lebensgefährliche Schnittwunden beigebracht haben. Ein Freund der Täter wird der Beihilfe beschuldigt. Er soll den andern die Jacken gehalten, das Blutbad jedoch im übrigen unbeteiligt beobachtet haben.

Es war ein Blutbad. Ein Augenzeuge berichtet: "Sie stürmten im Pulk auf die andern los. Wie wahnsinnig. Die andern saßen ganz ruhig da und tranken was. Da sitzen ja öfter junge Leute am Bahnhof. Sie stürmten auf sie los, und in dreißig Sekunden oder einer Minute war alles vorbei. Die da am Fahrradständer gestanden hatten, lagen im Kreis verteilt. Wie auf dem Schlachtfeld, und überall war Blut. Ein halbes Schlachtfeld war das. Ich war vollkommen durcheinander."

Der Zeuge ist Soldat. Doch ihm ist abzunehmen, daß er sich nicht nur von Berufs wegen martialisch ausdrückt. Daß da überall Blut war, sagen auch andere. Sie haben versucht zu helfen, so gut sie konnten. Die Frau, in deren Kiosk die Täter die Bierflaschen gekauft hatten, hat die Wunden mit Handtüchern abgebunden. Eine Taxifahrerin hat "wie wild" über Funk nach Polizei und Unfallhilfe gerufen. Vorher hatte sie die Hupe ihres Wagens nicht losgelassen, um die Täter zu verscheuchen.

Die Taxifahrerin schätzt, daß der Unfallwagen erst nach zwanzig Minuten kam. Der Notarzt ist noch später eingetroffen. Vier der Opfer fanden trotzdem schnell wieder auf die Beine, das fünfte kämpfte mit dem Tode.