Von Thomas Rothschild

Die Konzertsäle sind für seine zweite Tournee in diesem Jahr zu eng geworden. Während Sammy Davis jr. für den fünffachen Eintrittspreis die perfekte, in jedem Detail auskalkulierte Show liefert, strömen die Jungen zu dem neuen Star, der mit einer bestechenden Aufrichtigkeit die Stimmung unserer Tage in Liedern artikuliert. "It’s a clear day" – gewiß nicht bei Konstantin Wecker.

Seine Tournee ist zeitlich geschickt angelegt. Eben erst erschienen seine neue Platte "Eine ganze Menge Leben" (Polydor 2371 900) und sein Buch "Ich will noch eine ganze Menge Leben" (Ehrenwirth Verlag, München). Solch eine geballte Ladung macht skeptisch. Soll uns da jemand aufgeschwätzt werden, oder gibt es da tatsächlich ein überragendes Talent, das diesen Medienaufwand rechtfertigt?

Mit dem Eingeständnis der unvermeidlichen Subjektivität des Urteils: Ich halte Konstantin Wecker für die bedeutendste Begabung der heutigen Liedermacher-Generation. Wie kein zweiter in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland hat er zu einem eigenen Stil gefunden und sich – insbesondere was die Verknüpfung von Wort und Musik angeht – von seinen Vorbildern freigemacht. Jedoch: Nachdem nun jahrelang jeder politische Anspruch weggeblödelt und weggejodelt wurde, kommt Wecker mit dem Song "Willy", einer markerschütternden Gestaltung der Furcht vor einem heute wieder aktuellen Neo-Nazismus im Lied, und schließt damit an die Tradition der späten sechziger Jahre an.

Dabei verzerrt die ambivalente Haltung dieser Tradition gegenüber die historische Wirklichkeit. In einem Interview, das Günter Verdin für die Stuttgarter Nachrichten mit ihm führte, sagte Wecker, der sich selber als Sozialisten oder Anarchisten bezeichnet: "Die Lustfeindlichkeit ist doch das große Problem unserer Linken. Das ist ein böses Erbe des Jahres ’68, dieses Überintellektualisieren, diese Angst vor jeglicher Art von Humor ... Ich halte es für pervers, daß der Engagierte nicht in der Lage zu sein scheint zu lachen ... Ich bin der Überzeugung, daß im politischen Kampf die Emotionen, die Lust, das Lachen notwendige Dinge sind. Natürlich gibt es auch falsche Emotionen, solche, die der Reaktion nützen. Die gilt es freizulegen. Das heißt nicht, auf Emotionen zu verzichten. Sonst bekommen wir einen Intellektuellenstaat, und das wäre entsetzlich."

Doch gerade auf die Generation von 1968 trifft der Vorwurf der Lustfeindlichkeit, der Humorlosigkeit nicht zu. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten der Studentenbewegung, daß es ihr weitgehend gelang, individuellen Lustgewinn und politische Aktionen zu verbinden. Man mag, um von Weckers Kollegen zu sprechen, Degenhardt und Süverkrüp, Wader und dem Floh de Cologne mancherlei vorwerfen – daß ihre Lieder um 1968 humorlos gewesen wären, stimmt gewiß nicht. In seiner "Verteidigung eines Sozialdemokraten" etwa veräppelte Degenhardt nicht nur eine zögernde Sozialdemokratie, sondern auch seine eigenen Genossen, die meinten, mit der Erstürmung eines Theaters könne man die Gesellschaft verändern.

Was Wecker zu Recht beklagt, ist ein Merkmal jener sich dogmatisch verhärtenden Gruppen, die sich ja gegen die Spontaneität der Studentenbewegung von 1968 wandten. Und da zeigt sich, daß Humor und Intellektualität kein Gegensatz sind; denn eben diese humorlosen Gruppen sind es, die Wecker in der Warnung vor dem Überintellektualisieren zustimmen würden – eine Vokabel, die mir äußerst gefährlich zu sein scheint. Denn Irrationalismus ist ebenso wie Humorlosigkeit eine Bedingung autoritärer Regime. Wenn sich Wecker just heute, da sich der Irrationalismus in immer neuer Gestalt breit macht, gegen das "Überintellektualisieren" stark macht, könnte er schneller, als es ihm recht ist, die Zustimmung auch derer finden, die seinen Willy erschlagen haben.