Nun streiken sie also doch, die Stahlarbeiter. Und die Arbeitgeber haben die Aussperrung beschlossen. Das scheint Routine zu werden, so wie sicherlich die dann folgende Prozeßlawine gegen die Aussperrung, auf die die Arbeitsgerichte sich schon vorbereiten können.

Es ist also wie gehabt, im Frühjahr in Baden-Württemberg. Und wieder geht es um die Rationalisierung, damals um die Absicherung des Lohns gegen die Folgen der Rationalisierung, diesmal um eine Absicherung der Arbeitsplätze. Doch damit endet das Vergleichbare. Wenn die Angst vor der Rationalisierung auch die gemeinsame Triebfeder ist – das Spektakel in der Stahlindustrie ist nicht mit dem kühlen Kalkül inszeniert worden wie der Arbeitskampf im Südwesten.

Im Gegenteil. Es gibt kaum ein besseres Beispiel dafür, wie irrational ein Arbeitskampf werden kann, wie den, Streik der Stahlarbeiter. Wochenlang sind die Spitzenfunktionäre der IG Metall damit hausieren gegangen, daß in dieser Tarifrunde eine Verlängerung des Urlaubs wichtiger sei als die Diskussion um die 35-Stunden-Woche. Dies entsprach ihrer seit Jahren verfolgten Politik, einem Sechs-Wochen-Urlaub Priorität zu geben.

Jetzt fordern die gleichen Funktionäre mit markiger Stimme den "Einstieg in die 35-Stunden-Woche". Wie wollen sie eigentlich der Öffentlichkeit diesen Umschwung im Denken und Handeln erklären? Warum soll, was für die vier Millionen Metallarbeiter gilt – die Forderung nach mehr Urlaub –, für die 200 000 Stahlarbeiter nicht gut sein?

Die Antworten, die IG-Metall-Chef Eugen Loderer und sein Bezirksvorsitzender Kurt Herb auf diese Frage parat hatten, waren recht dürftig. Denn Herb weiß natürlich genau, daß eine Rationalisierung bei Daimler Benz genauso Arbeitsplätze gefährdet wie eine Rationalisierung in einem Stahlwerk. Und was soll man davon halten, wenn Loderer meint, Urlaubsverlängerung – wie die Arbeitgeber angeboten haben – sei eben keine Arbeitszeitverkürzung? Die Summe der Arbeitsstunden im Jahr verringert sich so oder so, ob durch mehr Urlaub oder eine kürzere Arbeitswoche.

Schlimmer noch. Für viele Stahlarbeiter läßt sich die Wochenarbeitszeit kaum verringern, denn Hochöfen lassen sich nicht abschalten wie Nähmaschinen. Sie müssen kontinuierlich betrieben werden. Noch heute arbeitet fast die Hälfte der Stahlarbeiter 42 Stunden in der Woche; die über vierzig. Stunden hinausgehende Arbeitszeit wird in Freischichten zusammengefaßt, dreizehn im Jahr. Und auch die 40. Stunde, die die IG Metall jetzt streichen möchte, müßte in Freischichten umgesetzt werden; pro. Tag oder Woche stünde der Arbeiter auch künftig genauso lange wie jetzt vor dem Hochofen.

Was bleibt da eigentlich noch übrig von der Argumentation der Gewerkschaft? Worin liegt denn der Unterschied zwischen einem Urlaubstag und einer Freischicht? Warum sollte eine Freischicht Arbeitsplätze besser absichern als ein Urlaubstag? Mit solchen Ungereimtheiten macht sich die IG Metall nur unglaubwürdig.