Von Manfred Sack

Gleich am Anfang der Ausstellung wird man gezwungen, sich auf die Seite zu legen oder stehend den Kopf zu verdrehen, um den Titel "Garten und Camping – Bundespreis Gute Form ’78" lesen zu können. Denn diese Schriftzüge sind von unten nach oben geschrieben. Das ist, wie sich alsbald herausstellt, keine Selbstpersiflage eines Designers, sondern ganz ernst gemeint – und typisch für den verkrampften Ehrgeiz, einer einfachen Mitteilung einen Pfiff zu geben. Man kann es auch Unsinn nennen.

Der Ort, an dem Design solchermaßen auf den Kopf gestellt wurde, ist das IDZ, das Internationale Design-Zentrum in Berlin, wo die Preisträger des neunten Wettbewerbs um diesen Bundespreis ausgezeichnet wurden und wo ihre preisgekrönten Produkte gezeigt werden. Die Ausstellung wird ein ganzes Jahr lang noch durch viele Städte ziehen, sie soll also möglichst vielen Menschen die Segnungen hervorragenden Designs nahebringen. Die Zweifel, daß es gelingt, sind freilich groß – und das ist beklagenswert, weil das Thema von Interesse ist und Interesse verdient: Gerätschaften "für das Leben draußen", die den Spaß im Garten und beim Camping vermehren sollen.

Nicht, daß es den Gartenschläuchen und Zelten, den Klappstühlen und Grasscheren an Qualität mangelte, im Gegenteil: fast alle diese Produkte, zum Teil schon seit vielen Jahren bewährt und gelobt, sind gründlich genug durchdacht, hervorragend durchgearbeitet, freundlich anzusehen, praktisch zu benutzen und in der Umgebung, in der sie gebraucht werden, nicht fremd oder störend. Dazu gehören das meisterhafte (Steck-)System von grau-hellroten Schläuchen, Anschlüssen, Düsen, Rasensprengern, Gartenscheren, entworfen von Franco Clivio und Dieter Raffler in Ulm (Gardena), eine vielfältig zu benutzende Akku-Grasschere von Siegfried Joswig (Wolf), Gartenklappmöbel von Don Colby (Rausch KG), auch drei Zelte, zwei aus Schweden (Fjällräven GmbH), eins aus Japan (Salewa). Die Sensation ist, daß es sich um längst in Gebrauch genommene Gebrauchsgegenstände handelt, die nun einen Orden bekommen haben.

Und warum wurden sie ausgezeichnet? Eben dies zu prüfen, wäre die Ausstellung die rechte Gelegenheit, wenn sie sie auch wirklich böte. Bis auf Gegenstände, die sich dagegen sträuben, sind alle an Pinnwänden fest verdrahtet. Offenbar war es wichtiger, sie vor Dieben zu sichern, als sie Besuchern in die Hand zu geben, damit sie den Mechanismus versuchen oder hören, wie laut eine Akkuschere schnurrt, damit sie ausprobieren, wie sich ein Schlauch bewährt, der, platt gedrückt, wohl äußerst platzsparend auf eine handliche Rolle gedreht werden kann – doch alles das darf man nicht.

Als Besucher ist man lediglich eingeladen, das fachkundige Urteil einer internationalen, sicherlich äußerst fachkundigen, aus Technikern und Designern bestehenden Jury zur Kenntnis zu nehmen. Zwar erfährt man daraus, was der Computer aus den vielen speziellen Einzeldaten, die die Preisrichter in einer Liste angekreuzt haben, zusammengezählt, dividiert und als höchst objektives Urteil ausgeworfen hat, frei von persönlichen Juroren-Geschmäckern, Temperamenten, ästhetischen oder funktionalen Leidenschaften. Und so erfährt man so gut wie nichts, sagen wir: über den Gegenstand persönlich. Die Jury steckt nur strohtrocken das in Worte, was die Maschine an Daten ausgeworfen hat: leere, sich ständig wiederholende Formeln, die sich allein durch ihr gequältes, angeblich wissenschaftliches, unklares Deutsch auszeichnen.

Da liest man, daß die "Umsetzung der funktionalen Aspekte in der Gestaltung" ebenso hervorzuheben sei "wie die Qualität des Designs im ganzen", daß "eine sehr gute Gestaltungskonzeption konsequent eingehalten sei"; daß "in der Interpretation struktureller, funktionaler und produktionstechnischer Aspekte durch die Gestaltung" hohe Werte haben erzielt worden können; daß "das Verhältnis von Gestalt zum Umfeld" den "Erwartungen und Bedürfnissen des Benutzers" entgegenkomme. Und wenn man, im kantigen Irrgarten solcher Abstraktionen verwirrt nach dem Ausgang sucht und fragt, was es denn nun mit dem Design wirklich auf sich habe, liest mandies: "Die Gestaltung erzeugt also durch das Produkt materialisierte aber geistige Orientierungsinstrumente, sie erzeugt so auch immaterialisierte psychische Gebrauchswerte."