Von Caroline Neubaur

Das "Seminar" zu lesen, ohne sich ein Stück weit "einführen" zu lassen (denn, ich sage es gleich: es handelt sich um eine Art Initiationsprozeß), wäre vergeudete Zeit. Der Anspruch dieses "Seminars" zielt aufs Ganze, nämlich nicht nur die Psychoanalyse als eine Wissenschaft (was sie bislang im strengen Sinn nie gewesen sei) vorzuführen, sondern auch das Auseinanderfallen von Theorie und Praxis in der Psychoanalyse so aufzuheben, daß Therapieziel und Wissenschaftskritik in eins fallen. Konstitutiv für Lacans gesamten Diskurs ist die Spannung aus seiner "Algebra", seinen linguistischen Argumenten und seinem Ereignispathos, in dem sich eine unmittelbare Verbindung zu Heidegger ausdrückt.

Als Lacan 1964 vor sein Seminar tritt, reißt ihn die Märtyrergloriole des von internationaler und nationaler Vereinigung Exkommunizierten zu manchen Angriffen hin: Ein Satiriker sorgt sich nicht ums Taktgefühl, ein Polemiker mäßigt auch dann seine homerischen Nachrufe nicht, wenn sich der Hauptfeind (die Ich-Psychologie, Hartmann, Kris, Löwenstein, Balint) längst aus dem Staube gemacht hat und Unterfeinde ins Visier kommen, denen die "fledermäusische Frage" – ob die Psychoanalyse eine Wissenschaft sei – unter ihrem vorbegrifflichen Zugriff zu Staub zerfällt. So erscheint "die Schöne hinter den Fensterläden" (eines von Lacans Bildern für das Unbewußte) nimmer, so ist die stumme Tochter nicht zum Sprechen zu bringen (Molière).

Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Lacan nach Freud und Jung der "dritte Mann" ist. An diesem Anspruch ist er zu messen. Der Freudsche Anspruch (Acheronta movebo) verband das Pathos des Heroen mit der Resignation über die bürgerliche Geschichte. Wie wenig auf gewisse emanzipatorische Funde Freuds für die Progression des Menschengeschlechts verzichtet werden kann, können wir in ganzem Ausmaß erst heute erkennen, da das Labyrinth der revisionistischen psychoanalytischen Theorien, die Unzahl reduktionistischer Sackgassen und Irrwege überschaubarer vor uns liegt. Nicht gegen die "Klinik", die praktischeErfahrung der Psychoanalyse, ihre Weiterentwicklung ist Freud auszuspielen, sondern gegen die partielle Verzerrung, die dem zivilisationswissenschaftlichen Anspruch seiner Theorie widerfahren ist. Freud also, der Vater der Bewegung, ein Aufklärer und Gesellschaftsdenker, mit mannigfachen Gewichten aus dem Fundus des Idealismus und Transzendentalismus behängt, gibt seine Lehre dem Sohn Jung weiter, der mit der gesellschaftlichen Emphase Freuds nichts anfangen kann, abfällt und einen der möglichen Abwege psychoanalytischer Theorienbildung demonstriert: Jung bietet statt der kritischen Versöhnung von Individuum und Gattung in der Utopie einer sich selbst analysierenden Gesellschaft die Pseudolösung "zurück zum Ursprung", zurück zu den kollektiven Mythen. Diese Rückwendung, man weiß es, feite Jung so wenig wie Heidegger gegen den radikal zum Archaischen rückgewandten Faschismus.

Ist Lacan eine Synthese von Freud und Jung, oder wäre eine solche Behauptung ein Widerspruch in sich? Lacan selbst sieht sich als Vollstrecker des Freudschen Willens, als derjenige, der auf den Begriff gebracht hat, was Freud (etwa wissenstheoretisch) noch nicht fassen konnte. Das Jungsche Substanzdenken ist seine Sache nicht, weder die seines Intellekts, noch die seines Stils. Dennoch ist die Frage schwer zu beantworten, inwieweit Lacan mit seinem Programm "zurück zu Freud" nicht eine entschiedenere Rückwärtsbewegung ausführt, als sie symptomatisch für unsere Spätzeit ist, in der avantgardistisches Denken ein rätselhaftes Amalgam mit konservativen Fixierungen eingeht. Im Hinblick auf die Anstrengung, diese Amalgame nicht als Stimmungsbilder einer Spätzeit hinzunehmen, sondern als Herausforderung, das herauszufinden, was die Symptome sagen wollen, ist die Beschäftigung mit Lacan exemplarisch geeignet. Sie ist deswegen so weitführend, weil es uns Lacan nicht – wie C. G. Jung –, leicht macht, aus seiner Theorie die ideologische Essenz herauszuziehen, so daß man den – zugegebenermaßen mühsamen – Weg der Lacan-Lektüre nicht nur beschreiten muß, um an ein Ziel zu kommen – der Weg selbst ist voller Umwege und Ausblicke. Das Ziel kann warten.

Kurz "zurück zu Freud" – nicht im emphatisch-programmatischen Verstand von Lacan, sondern um zu hören, inwiefern "His Masters Voice" anders tönt. Freud behauptet sich gegenüber der Irritation und Spannung, die er durch die Entdeckung des Unbewußten erfährt, mit einer ständigen Konstruktionsanstrengung. Diese Anstrengung verführt ihn jedoch niemals dazu, die Unterscheidung zwischen Begriff und Sache aufzugeben. Seinem Forscher-Ethos nach kann er treuhänderisch mit der Sache nur dann umgehen, wenn er den Begriff von der Sache scheidet, ihn von der Sache her stets revidieren kann. In dieser Hinsicht ist Freud ganz Nicht-Patriarch, ganz entspannt. Er ist nicht vornehmlich fasziniert von dem, was er nicht lesen kann, ebensowenig von Reduktionsmodellen, die alles auf Grundbedeutungen zurückführen. Sein Interesse gilt der Intentionalität des Symptoms. So weigert Freud sich beispielsweise, eine der drei Dimensionen des Unbewußten, die topische, die dynamische, die ökonomische, unterzuprivilegieren. Er kann in ihnen in synchroner Chiffrierung die juridische Komponente gegenseitiger Rechtsansprüche, das naturwissenschaftlich zu lesende Spiel von Energien und die Beurteilung der Psyche nach Haushaltskategorien berücksichtigen. In der Gleichzeitigkeit dieser drei Dimensionen wird gezeigt, daß sich wissenschaftliche Kategorialität an der Realität des Psychischen bricht: All dies ist das Subjekt, aber es kann auch von einer Wissenschaft der Psychoanalyse, wie Freud sie versteht, nur widerspruchsvoll beschrieben werden. Diese Form einer unsystematischen, der neuen Realität des Unbewußten, jedoch "systematisch" Rechnung tragenden Empirie unterläuft Lacan mit seiner Begegnungsontologie,

Im Zentrum von Freuds Lehre steht ein Impuls gegen Vergegenständlichung. Hier nun gibt es eine Begegnung zwischen Freud und Lacan in einer begrifflichen Zone, wo beide die Weichen gegen die Substantivierung des Unbewußten stellen (auch Freud hat Grund, es existiert in der Tat – nicht zuletzt in der Instanzenlehre – eine Basis für einen strukturalistischen Freud). Ehe die Begegnung wieder auseinandertreibt, kann Lacan zeigen, wie Freud sich in der Suggestion eines zentralen Begriffs der Wissenschaft hält: der Kategorie der Kausalität. Freud bleibt an dieser Kategorie der Ursache interessiert, da Wissenschaften, die sie eliminiert haben und an deren Stelle Regelzusammenhänge setzen, funktionalistische Theorien nach dem Typ: wenn a, dann b, keinen unbekannten Weltzusammenhangmit ins Spiel bringen können. Das tut Freud aber eben in seiner Anerkennung der Ursächlichkeit, und Lacan kann zeigen, daß er in ihrem Zentrum das Unbegreifliche trifft. Daß, solange ich von Ursachen rede, etwas Unbekanntes ins Spiel kommt, exemplifiziert Lacan so: "Die Mondphasen sind die Ursache für die Gezeiten – da ist Leben! Wir wissen sofort, hier ist das Wort ‚Ursache‘ gut gewählt. Oder auch: Miasmen sind die Ursache für das Fieber – auch das ist gut, damit ist nichts gesagt, es ist ein Loch da und im Raum dazwischen oszilliert etwas. Kurz: Ursache ist nur, wo es hapert."