Frankfurt a.M.

Am Buß- und Bettag rollten und hinkten Behinderte in Frankfurt zu einer Preisverleihung. Sie selbst stifteten den, Preis, alljährlich soll er verliehen werden: Die "Goldene Krücke". Der Preisträger muß in Wort, Schrift, Tat, Ton oder Bild die Integration Behinderter nachhaltig behindert haben. Die Preisjury sind Behinderte und Nichtbehinderte des Volkshochschul-Kurses "Bewältigung der Umwelt".

Die Frankfurter Städtischen Bühnen inszenierten (Dramaturgie: Urs Troller) die Preisverleihung als satirische Collage: Szenen aus dem Alltag Behinderter, dokumentarisches Material, wo der Zuschauer nicht weiß; ob er lachen oder weinen soll. Am Ende geschah beides.

Zwei Beispiele: Eine Frau in Lüneburg ist zum Scheidungstermin bestellt. Die Verhandlung soll vor dem Einzelrichter und unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden. Im Rollstuhl kommt die Behinderte nicht ins Gericht. Die Gerichtsbediensteten erklären sich für den Transport als "unzuständig". Sie seien auch nicht dafür ausgebildet. Einer sagt schließlich, Verhandlungen, an denen Behinderte teilgenommen hätten, hätten schon öfters auf dem Marktplatz stattgefunden. Und heute sei ja auch das Wetter günstig. Die Richterin ist gleicher Meinung und so findet die Scheidung auf der Straße statt.

Einem österreichischen Kunst- und Turmspringer, Olympiateilnehmer 1972 in München, muß nach einem Trainingsunfall das linke Bein unterhalb des Knies amputiert werden. Als er später an einem Meisterschaftswettbewerb teilnehmen will, sperren sich die Funktionäre: Nach dem Reglement müsse man mit beiden Beinen vom Sprungbrett abheben. Der Mann springt trotzdem und wird Dritten Kommentar eines Funktionärs: "Es ist für den Sport schädigend, wenn ein Krüppel die Gesunden schlägt."

Szenen, Zeitungsmeldungen, Musikeinlagen des Frankfurter "Linksradikalen-Blasorchesters", Gesetzestexte werden ineinander geschnitten. Absurde Texte einer absurden Situation. Die Zuschauer reagieren betroffen, kein Lachen, das Befreiung brächte. Der Gesetzgeber, sagt: "Eine Behinderung ist ein regelwidriger Zustand: von mehr als sechsmonatiger Dauer." Darf man da lachen? Einige kichern – es sind Behinderte.

Preisverdächtige – gab es viele. Die Deutsche Lufthansa bekam einen Trostpreis. Will ein Rollstuhlfahrer, in die Luft gehen, muß er zuvor vom Hausarzt eine "Beurteilung der Reisefähigkeit kranker Fluggäste" ausfüllen lassen. Nach dem Vordruck bescheinigt der Arzt dann dem Behinderten: ,,Zustand, Aussehen und Verhalten werden nicht zur Belästigung oder Gefährdung von Mitreisenden führen."