Von Richard Gaul

Die Industrie klagt, der Sachverständigenrat wiegelt ab, und die Arbeitsmarktexperten sind sich uneins: Fehlen trotz hoher Arbeitslosigkeit tatsächlich so viele Facharbeiter, daß die Produktion schon deutlich behindert ist? Oder ist die "Facharbeiterlücke" nur erfunden? Werden gar – bedingt durch die technische Entwicklung – in Zukunft zu viele Facharbeiter auf den Markt drängen?

Die Berichte aus den Unternehmen sind deutlich: Die Lücke ist da, Aufträge lassen sich nicht fristgerecht erfüllen, die technischen Kapazitäten sind nicht voll ausgelastet, weil keine Facharbeiter auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen sind. In Bayern "braucht jeder zweite Betrieb Facharbeiter", meldet der Verein der bayerischen Metallindustrie; fünfzig. Prozent aller Unternehmen haben "zunehmend Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen", heißt es in einer Analyse des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT). "In einigen Produktionsbereichen ist der Facharbeitermangel so groß, daß er in erheblichem Umfang zu Produktionsstörungen führt."

Der Sachverständigenrat. zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage dagegen glaubt, daß aus den Klagen der Unternehmen "vielfach Verallgemeinerungen hergeleitet" werden. Er beruft sich auf den Ifo-Konjunkturtest, wonach "nur etwa fünf Prozent der Industrieunternehmen in der Produktion durch Arbeitskräftemangel behindert" sind.

Die Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu bekommen, haben demnach, so meinen die fünf Wirtschaftsweisen weiter, "kaum zugenommen; nur in den Rezessionsjahren 1967 und 1975 wurde eine geringere Produktionsbehinderung gemeldet". Im einzelnen, "zumal bei Facharbeitern", sehen aber auch die Sachverständigen Probleme, die "schon ins Gewicht fallen mögen".

Gewichtig ist der Facharbeitermangel etwa für Michael Schauffele, Chef der gleichnamigen Bauunternehmung in Schwieberdingen bei Stuttgart. Ihm gehen in diesem Jahr zwanzig Prozent Umsatz verloren, "weil uns die Facharbeiter fehlen". Aufträge konnten deshalb gar nicht erst angenommen werden.

Die Lage des schwäbischen Mittelständlers ist doppelt ungünstig: Gerade im Baugewerbe fehlen besonders viele Facharbeiter, die Übernachfrage am Arbeitsmarkt konzentriert sich zudem auf Baden-Württemberg und Südbayern.