Von Lothar Ruehl

Vor zweiunddreißig Jahren veröffentlichte der damalige Stellvertreter des Alliierten Oberbefehlshabers in Europa, Feldmarschall Montgomery, einen Artikel über den "dritten Weltkrieg". Es handelte sich um eine militärische Fiktion, in der die Visionen der Nato-Hierarchie im Atomblitz aufleuchteten. Der Sieger von El Alamein entwarf ein europäisches Schlachtengemälde in grellen Farben, das aber schließlich in unbestimmtes Grau zerrann: In den Weiten Rußlands und Chinas lösten sich mit den geschlagenen "Mächten des Ostens" auch die Grenzen zwischen Krieg und Frieden auf. Der Kampf um Europa und um den Atlantik hatte in diesem "Panorama eines Krieges im nuklearen Zeitalter" genau fünfzig Tage gedauert. Als historische Epoche hatte der Autor das Jahr 1966 angenommen – zehn Jahre in der Zukunft seiner Vision, die er im Dezember 1956 in London entwarf.

In jenem fiktiven Kriegsjahr 1966 übernahm der Australier Sir John Hackett den Befehl über die britische Rheinarmee und über die Nato-Heeresgruppe Nord. 1978 wiederholte General Hackett, allerdings im Stil des Kriegsberichterstatters und Kriegstagebuchschreibers, die visionäre Demarche seines früheren Vorgesetzten Montgomery:

John Hackett: "Der Dritte Weltkrieg – Hauptschauplatz Deutschland"; C. Bertelsmann, München, 1978; 352 S., 9 Karten, 34,– DM.

Datum für den dritten Weltkrieg – wiederum in und um Europa – ist das Jahr 1985, genauer gesagt dann der 4. August.

Hacketts "Kanonen des August" verschießen auf dem europäischen Kriegsschauplatz in Deutschland und in Jugoslawien nur konventionelle Munition: Zum Atomschlag auf dem Gefechtsfeld kommt es nicht. Dennoch leitet der sowjetische Angriffskrieg in begrenzten Atomkrieg’ zu Demonstrationszwecken über die Kernsprengköpfe der Raketen fallen in diesem Schlagabtausch zwischen Ost und West auf das englische Birmingham und auf das weißrussische Minsk. Vorher war der Großangriff des Warschauer Paktes gegen Westeuropa in Nordwestdeutschland und Holland, in Hessen und Franken zum Stillstand gekommen. Weder Frankfurt noch Bonn fallen in Feindeshand. Dagegen wird Bremen schwer umkämpft und zerstört. Hamburg haben die russischen Stoßarmeen auf ihrem Weg nach Westen in Richtung Kanalhäfen und als Drehpunkt des Schwenks nach Süden auf Rhein und Ruhr liegengelassen – es war wertvolle Beute und unzerstörtes Faustpfand in russischer Hand.

Auch der Kampf um den Atlantik, um den Seeweg der Verstärkungen und des Nachschubs aus Nordamerika, wird trotz anfänglicher Rückschläge und empfindlicher Verluste der westlichen Kräfte von der atlantischen Allianz noch rechtzeitig zu ihrem Vorteil entschieden, so daß die angeschlagene Verteidigung in Westeuropa gestärkt und sogar der erfolgreiche Gegenangriff bis zur Paktgrenze durch Deutschland und nach Böhmen hinein: unterstützt werden kann. Obwohl keine Kernwaffen eingesetzt werden, hat sich die flexible Abwehr behauptet. Ohne vollkommenen Sieg in kurzer Zeit hat die militärisch an Truppen- und Waffenzahl überlegene Sowjetunion den Krieg verloren. Der Versuch, die Nato im Überraschungsangriff mit wuchtigem Stoß durch Westdeutschland aus der Balance zu werfen, die Bundesrepublik zu erobern und den Bündniszusammenhang aufzureißen, dann die Überseeverbindung auf dem Nordatlantik zu durchschneiden, ist am Widerstand der rechtzeitig aufmarschierten Nato-Streitkräfte, der gerade noch rechtzeitig eingetroffenen ersten Verstärkungen aus Amerika und des entschlossenen Zusammenhalts der Alliierten gescheitert.