Von Manuela Reichart

Die Frau heißt Marylin (nicht Marilyn wie die Monroe) und lebt in Paris; oder: sie heißt Marylin Paris, ist so sehr eins mit "ihrer" Stadt, daß der Ort ihres Lebens gleichsam zum Nachnamen wird, der erst genannt ihre Person, ihr Da-sein erklärt.

Marylin, die "wahrscheinlich blond und langbeinig, wahrscheinlich anziehend anzusehen, wahrscheinlich vorzüglich angezogen ist, möglicherweise noch heute für die belange der frau öffentlich eintritt, möglicherweise morgen schon ein politisches engagement eingeht, möglicherweise übermorgen von der unart passiven resignierens abläßt und zur taktik aktiven agierens übergeht...", Marylin und Paris, eine Frau und eine Stadt werden zur Einheit, zu einem Körper, weil zwischen beiden ein Atemaustausch stattfindet, der lebensnotwendig scheint.

Ginka Steinwachs: "marylinparis", Montageroman, mit einem Nachwort von Ulbert. Stegmann; Rhombus Verlag, Wien, 1978; 242 Seiten, 24,60 DM.

Ginka Steinwachs, die ihren (bereits 1974 fertiggestellten und in den Grazer Manuskripten veröffentlichten) Roman ein "Compendium der Spracherotik" nennt, verzichtet auf psychologische Handlungsstränge als Gliederungsform des Textes, schafft dafür aber andere Spannungsfelder, indem sie eine Text-Arithmetik entwirft, die das Konzept der unterdrückten gegenüber den dominanten Sinnen vorstellt: Schmecken und Riechen (1. und 4. Kapitel) gegen Hören und Sehen (2. und 3.). Jedes Kapitel dieses Kompendiums widmet sich einem Sinn, verschreibt sich einer philosophischen Disziplin ("Logik/Noetik/Politik/Ethiko-Ästhetik"), erwählt einen "Säulenheiligen": in den Außenkapiteln gibt der französische Gastrosoph Jean-Anthelme Brillat-Savarin ("Physiologie du Goût", 1825) dasMotto, in den inneren Kapiteln der Naturforscher Georges-Louis Buffon, der zwischen 1749 und 1789 seine "Histoire Naturelle" in sechsunddreißig Bänden herausgab, in der zum erstenmal die Geschichte der Welt fern jeder religiösen Dogmatik, allein aus beobachtbaren Fakten und experimentellen Prinzipien erklärt wird; mit ihm, der wie Marylin kurzsichtig war – und seit 1759 dem königlichen Garten vorstand –, debattiert sie im Jardin des Plantes. "mithilfe der kenntnis einiger wirbelknochen allein, denkt er, kann ein kenner... den ganzen leib im nu rekonstruieren, mithilfe eines einzigen Mageninhalts allein, der in versteinerter form erhalten geblieben wäre, denkt sie, könnte ich mir ein bild von den elementaren bedürfnissen und den lebensgewohnheiten der donnerechse machen, sie hat ein orales Verhältnis zu den dingen."

So verweigert sich das erkenntnistheoretische Interesse der Frau den Hierarchien des Erkenntnisprozesses – und setzt aufs Essen.

Zu Marylin gehört ein Mann, der ihr/dem sie zugeordnet ist: Monsieur Arthème Fayard, Rechtsanwalt, Immobilienhändler, Mitglied unzähliger Vereine, wohlbegütert und schwerhörig. Im ersten Kapitel, das der Logik und dem Geschmack die Feder führt, laden Arthème und Marylin zum Essen "in der zeit vom 3.–11. januar 1975 jeden abend um 20 uhr c. t. zu einem hyper-souper mit maximalen gingen und optimalen speisen". Täglich wechselt das Restaurant, das Arrondissement und selbstverständlich die Speisekarte. Jedes Abendmahl, "das jeweils eine bestimmte lukullische Wegstrecke aus dem feinschmecker-almanach zurücklegen soll, verfolgt keine weitere absieht als es selber und d. h. mit den Worten grimods: gut, heiß und reichlich zu sein", privilegiert bestimmte Tiere des Verzehrs, ausgewählte Organe (etwa "Magen / Bauch und Herz / Phallus, Clitoris") und Aktionen ("rülpsen / schneiden/ / einsaugen-ausspeien"), verschiedene Wissenschaften ("Anthropologie/Epistemologie / Psychoanalyse") und mit ihnen und durch sie berühmte Wissenschaftler, die jeweils bei Tisch den Diskurs führen.