Klassik und Romantik: das scheint eine der schönsten, liebsten Antithesen deutschen Dichtens und Denkens. Wobei die Argumentation auf dem Gebiet der bildenden Kunst gegenüber der in der Literatur immerhin noch den Vorteil hat, daß sie mit einem präziseren Begriff geführt wird: von Klassizismus spricht man hier, denn gemeint sind ja ein Stil und ein Denken, die sich an der von Winckelmann für die Welt wiederentdeckten griechischen Klassik orientieren, eine Klassik also nach klassischem Vorbild. In der Literatur ist die Sache einfacher und mißverständlicher zugleich: Einen Höhepunkt deutscher Literatur, markiert durch Goethe und Schiller und lokalisiert in Weimar, nennt man Klassik und hat damit zweierlei durcheinanderbringend benannt: eine qualitative und eine stilistische Kategorie.

Klassik und Romantik, Klassizismus und Romantik: das war ein Streitfall seit und mit der Entstehung dieser Kategorien, und Goethe, der Klassiker, hat sich aus der olympischen Höhe Thüringens auch gleich kräftig und rundum in die Diskussion eingemischt. Novalis, der kühnste der romantischen Denker, schrieb: "Die Kunst ist das Komplement der Natur. Die Natur hat Kunstinstinkt – daher ist es Geschwätz, wenn man Natur und Kunst unterscheiden will." Goethe dagegen aus Anlaß der Weimarer Kunstausstellung 1805: "Gemüt wird über Geist gestellt, Naturell über Kunst, und so ist der Fähige wie der Unfähige gewonnen. Gemüt hat jedermann, Naturell mehrere, der Geist ist selten, die Kunst ist schwer." Und schließlich, mit dem Vorschlaghammer: "Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke."

Klassizismus und Romantik: Man weiß inzwischen, daß dieses Kontrastprogramm als solches genommen, zu interpretatorischen Verzerrungen führt und daß eine Subsummierung unter antithetische Begriffe wie "Vollendung und Unendlichkeit" (so der Germanist Fritz Strich) die vielleicht ebenso wichtigen Gemeinsamkeiten außer acht läßt: den diese beiden Denkweisen und Stilrichtungen gleichermaßen irritierenden – und im Ergebnis erst auseinanderdividierenden – Begriff der Natur; die historische Konstellation, die Klassik oder Klassizismus wie Romantik als eine Zeit des Umbruchs zwischen dem festgefügten Weltbild des Barock und dem aufgelösten Weltlichkeitsbild der Gründerzeit erscheinen läßt. Als eine in diesem Sinne historische Einheit wird die Kunst dieser Epoche begriffen in dem Buch von

Herbert von Einem: "Deutsche Malerei des Klassizismus und der Romantik (1760 bis 1840)"; Verlag C. H. Beck, München, 1978; 280 S., 197 Abb. auf 160 Tafeln, davon 16 Farbtafeln, Subskriptionspreis bis zum 31. 1. 1979: Leinen 98,– Mark, Normalpreis ab 1. 2. 1979 118,– Mark.

Herbert von Einem, der dreiundsiebzigjährige Kunsthistoriker, hat mit diesem seinen Schülern (viele von ihnen sind inzwischen selber Kunsthistoriker von Rang) gewidmeten Werk die Summe eines Lebens als Lehrer und Forscher vorgelegt. Das heißt: Er hat ein Buch geschrieben ohne Hochmut, ohne Besserwisserei, ohne Ideologie, ein Buch, das, von einem Spezialisten geschrieben, auch dem Laien verständlich ist. So sachlich ist seine Darstellung der Divergenzen und Konvergenzen, daß Parteilichkeit nirgendwo Wellen schlägt – eine "klassische" Publikation zum Thema Klassik und Romantik. "Der blinde Streit", so hatte übrigens Achim von Arnim geschrieben, "zwischen sogenannten Romantikern und sogenannten Klassikern endet sich. Was übrig bleibt, das lebt." Petra Kipphoff