Sie heißen Harry und Abbie, Laura und David, Max, Michael, Lynn, Stanley, Frank und Hawker, sie sind Redakteure oder Reporter, Blattmacher, Photographen, Sekretärinnen oder Zeitungsverkäufer, und sie arbeiten alle noch für die "Back Bay Mainline", die sie einst gemeinsam gegründet haben. Aber man schreibt nicht mehr die Jahre 67/68, sondern 1976. Dementsprechend steht es um das Blatt, um die Begeisterung der Macher und die Begeisterungsfähigkeit der Leser. Geändert haben sich im Lauf der Zeit auch die privaten Bedürfnisse und Ansprüche, die persönlichen Verhältnisse, die erotischen Beziehungen. Der alte Schwung ist hin und auch in den Betten wird wieder gelogen.

In der Zeitung, das ist ihr großer Zweifel, lügen sie vielleicht schon lange, ohne sich der Lüge bewußt zu sein. Denn sie haben, das ist ihr Elend, die kleine linke Zeitung von einst, als die Basis der engagierten Leser schwand und die Zielgruppe geändert werden mußte, zu einem Massenblatt hochgepuscht. Sie haben sich von Dilettanten zu Profis gemausert, die nicht mehr naiv und überzeugend einfach drauflos schreiben können, sondern die Wirkung eines jeden Satzes, einer jeden Zeile genau berechnen. Das haben sie vorzüglich gelernt und könnten stolz darauf sein. Aber das Happening ihrer Zeitung ist Routine geworden, das Feuer ist erloschen. Harry zum Beispiel interviewt eine Stripperin so kalt und unsensibel, daß er die erotische Spannung, die sich zwischen der Interviewpartnerin und der Photographin Abbie aufbaut, zerstört.

Sie wollen alle kündigen, wenn das Blatt an den Groß Verleger Walsh verkauft wird; den Verleger schreckt das nicht, denn er kann die Redaktion in 24 Stunden völlig neu besetzen. Sie wollen kündigen, denn der eine möchte endlich sein Buch schreiben und den Kleinkram Zeitung vergessen, der andere träumt von einer Karriere in New York, und ein dritter, der Rock ’n’ Roll-Spezialist Max, verkauft schon längst seine Rezensionsplatten oder seine Sprüche an jeden, der sie hören will, an weibliche Fans, denen er seine Telephonnummer diktiert, oder an einen Barbesucher, von dem er sich die Einladung zum Essen verspricht. Max ist allen anderen voraus ans Ende der Verzweiflung gelangt. Das müssen die anderen erst noch lernen, zum Beispiel wie klein ihre großen Gesten werden, wenn es ans Überleben geht, wenn sie konfrontiert werden mit ihrem Standard und ihren Erwartungen, die schneller gewachsen sind als sie selbst, wie es bei Kindern geht, deren Wachstum man nicht wahrnimmt, weil es täglich nur Bruchteile von Millimetern sind. Sie haben sich an den Erfolg verloren, und nur vor einem sind sie bewahrt geblieben, bisher: zynisch zu werden.

Das charakterisiert auch die Inszenierung von Joan Micklin Silver, in die eigene Erfahrungen eingegangen sind. Ihre Trauerarbeit, ist voller Witz, Komik und Ironie, aber sie verrät keinen, nicht einmal den fragwürdigsten Typ, ans Gelächter. Nach "Hester Street", dem Familienporträt jüdischer Einwanderer zu Anfang des Jahrhunderts, zeigt, "Between the Lines" (was ebensogut und ebenso richtig "Zwischen den Zeilen" wie "Zwischen den Fronten" heißt) die Weiterentwicklung dessen, was man Gruppenfilm nennen könnte. "Zwischen den Zeilen" ist ein Dutzendpersonenstück, das keinen Helden kennt, es sei denn der Held sei die Kamera, die Zeit, die Montage oder Inszenierung, sei das Kino selbst.

Joan Micklin Silver entpuppt sich als eine Verwandte im Geiste von Robert Altman, der in "Nashville" und jetzt wieder in "A Wedding" das Kino entschieden wegführt von allem Literarisch-Novellistischen, das selbst dem Genre-Kino noch anhaftet. Bei Altman wie bei Silver wird eine neue Kategorie des epischen Kinos entworfen, das nur als Kino möglich ist. (Eine vergleichbare Erscheinung in Europa findet sich allenfalls bei Ariane Mnouchkine und ihrem Film "Molière".) Das Kennzeichen dieses Kinos ist die Gleichbehandlung vieler Figuren und aller filmsprachlichen Elemente, der Kameraeinstellungen wie des Dialogs, der Dekoration wie der Musik, des Lichts wie der Montage. Demokratischer (und heiterer) ist über das Ende eines Versuchs von Demokratie selten gesprochen worden.

Peter W. Jansen