Von Peter Hays

Jahrelang bekam das kleine Straßendorf See kaum einen müden Schilling vom Skiboom weiter oben im Tal ab, sondern allenfalls die Matschspritzer des Durchgangsverkehrs. In See nahm der anreisende Wintersportler in der Regel den Fuß ein bißchen vom Gaspedal – und preschte dann gleich weiter nach Ischgl.

Nicht ganz ohne Neid schauten die guten Bürger von See zu, wie "die da oben in Ischgl" ihren Pistenzirkus, eine Waldschneise nach der anderen, ausdehnten. In Ischgl, so schien’s zum Beispiel dem Bauern Alois, "legen die Hennen jetzt goldene Eier". Damit meint er: Aus Bauern wurden Hoteliers und wohlhabende Liftbesitzer, aus einem Bergdorf in 1400 Meter Höhe ein internationaler Treffpunkt für Wintersportler.

Unweigerlich hat dann 1969 das "weiße Fieber" auch die 800 Einwohner von See gepackt, größtenteils Kleinbauern, die sich jeden Sommer ein Zubrot als Maurer und Hilfsarbeiter außerhalb des Tals verdienen mußten. Sie gründeten die Medrigjoch-Lift GmbH. Heute hat letztere bereits 80 Gesellschafter, die bisher rund zwanzig Millionen Schilling in die weiße Industrie vor Ort investiert haben.

In einem Dorf mit nur noch elf alteingesessenen Familienclans wiederholt sich ein Name wie Zangerl, Schweighofer oder Waibl zwangsläufig in der Liste der Lift-Miteigentümer. Aber die Vettern- und Brüderwirtschaft zahlt sich aus. Die Hänge sind nun von Sessel- und Schleppliften überzogen; Gondeln wie in Ischgl wären eine Nummer zu groß fürs Budget gewesen. Vom Medrigkopf rutscht sich’s auf Brettln zuerst über die breite, sonnige Medrig-Alm und danach durch entschärfte Waldschneisen immerhin ganze elf Kilometer hinunter ins Dorf. Für Rodlerfamilien gibt’s außerdem eine rund 15 Kilometer lange schneegepolsterte Bahn durch den Wald.

Während sich das tonangebende Ischgl durch dynamisches Management und einfallsreiche Werbegags in die Oberliga der Tiroler Skireviere gehievt hat, vermarktet See sein wintersportliches Angebot – auf geradezu rührende Weise – noch mit bäuerlicher Bescheidenheit. Alois Lechleitner, Geschäftsführer des örtlichen Fremdenverkehrsverbandes, verschickt unter anderem persönliche Briefe an deutsche Vereine und auch an deutsche Sommer-Stammgäste, die sich lange nicht mehr in See haben blicken lassen.

Um die Einheimischen zu so etwas wie vergleichender Werbung zu ermuntern, muß man fast Daumenschrauben anlegen. Aber dann hagelt’s nur so Argumente: "Bei uns laufen die Lifte manchmal noch, wenn die da oben in Ischgl längst den Gondelbetrieb wegen Wind einstellen müssen." Oder: "Wir liegen über 300 Meter tiefer als Ischgl. Dadurch ist unser Klima bekömmlicher." Oder: "Bei uns gibt es keine Wartezeiten am Lift, obwohl wir immerhin 2500 Skifahrer pro Stunde befördern können." Und (etwas zurückhaltender): "Das beste Haus am Platz in Ischgl ist viermal so teuer wie unser größtes. Übernachtung mit Frühstück ist bei uns im Schnitt fünfzig Schilling, Halbpension oft hundert Prozent billiger als oben."