Von Gunter Hofmann

Es wachsen neue Mythen. Und eine Entmythologisierung war geplant. Der überlieferte Fortschrittbegriff wird entkleidet. Glück, brüderliche Gesellschaft, schöpferische Arbeitslosigkeit, unbeschädigte Natur treten an seine Stelle – Worte sind zu hören, die nicht präzise eine andere Zukunft beschreiben, aber die Sehnsucht danach.

In den Köpfen ist etwas in Gang gekommen: nicht erst, seit der Club of Rome die Grenzen des Wachstums zu berechnen versuchte, aber von Stund an beschleunigt wuchsen die einschlägigen Bücherberge. Viel von dem Panorama der internationalen Diskussion fängt die verdienstvolle und wichtige Zeitschrift Technologie und Politik (soeben erschien Nr. 12) ein. Fischer alternativ nennt sich eine andere gefragte Reihe. Jede Zeitschrift, die was auf sich hält, hat auch etwas zum Thema Wachstum und Zukunft zu sagen. Einige Namen tauchen immer auf: E. F. Schumacher, Ivan Mich, Robert Jungk, Johan Galtung, Paolo Freire, Yona Friedman – das sind die Klassiker. Zahllose Epigonen folgen ihnen.

Gemessen an den "Utopien", welche die sechziger Jahre prägten, gemessen an dem Versuch gesellschaftskritischer Analyse – Adorno, Horkheimer, Marcuse nur als Stichworte – und wortgewaltiger Zukunftsentwürfe hat sich viel verwandelt: die Kultur- und Gesellschaftskritik kippt leicht wieder um in Kulturpessimismus. Konkret werden ist alles – ein Schwanengesang auf die schreckliche, die theoriesüchtige Zeit, der gar nicht mehr aufhören will.

Konkret? Die Frage ist besonders an die Klassiker ’78 zu richten: an Ivan Mich zum Beispiel, den Zauberer unter den Entmythologisierern. Leidenschaftlich wie kein zweiter legt er sich mit der industrialisierten Welt und der ihr angepaßten Wertordnung an; um den Nachweis zu führen, wie rasch das, was als Fortschritt bejubelt wird – "die zeitraubende Beschleunigung, die krankmachende Gesundheitsversorgung, die verdummende Erziehung" – umkippt in Rückschritt. Jedenfalls gemessen an den "wahren" Werten, den "wirklichen" Bedürfnissen, den "unverfälschten" Utopien.

Inzwischen ist Mich Guru in seiner Gemeinde. Das läßt sich auch damit erklären, daß er so kräftig polemisiert, als dürfe die Frage erst gar nicht auftauchen, ob dahinter die konkrete Vision von einer Gesellschaft der Zukunft steckt. Postindustriell? Schön, aber was heißt das? Selbstbegrenzung? Gut, aber für wen? Mich beschreibt großartig Defizite, er füllt kein Vakuum. Beispiel: seine Thesen über "schöpferische Arbeitslosigkeit oder die Grenzen der Vermarktung" aus einem Bändchen mit sehr bunt zusammengewürfelten Texten (auch Mich wird schließlich vermarktet). Seine Fragen haken an der Oberfläche, am bloßen Phänomen ein. Er reibt sich nicht an den Ursachen für die Arbeitslosigkeit der 80er Jahre, die sich in den Industrieländern ausbreitet und gewiß nicht mit den alten Wachstumsrezepten beseitigt werden kann; er fragt auch nicht lange danach, welche Arbeit entfremdete Arbeit ist, sondern er bietet die schön klingende Alternative von der nutzlosen Arbeitslosigkeit.

"Bevor Kennedy seine Allianz für den Fortschritt begründete, gab es in Achatzingo, wie in den meisten mexikanischen Dörfern dieser Größe, vier Musikantengruppen, die für ein Glas Wein aufspielten und eine Bevölkerung von 800 Menschen unterhielten. Heute erdrücken die über Lautsprecher dröhnenden Schallplatten und Radios die lokalen Talente". Über gängige kulturpessimistische Attitüde geht das nicht hinaus.