Von Fouad Ajami

In der Auseinandersetzung zwischen Präsident Sadat und seinen arabischen Rivalen geht es mehr als um die vordergründige und hinreichend bekannte Frage "Krieg oder Frieden mit Israel". Es gibt noch zwei andere Konflikte, deren Wurzeln viel tiefer reichen: einmal den Kampf um Kairo selbst – die letzte "echte" Stadt in der arabischen Welt; zum anderen die Auseinandersetzung zwischen Kairos, kosmopolitischer Sicht der Welt einerseits und der verengten, fundamentalistischen Weltanschauung der arabischen Wüste und Provinz anderseits.

Die islamische Geschichte der Araber begann auf der Arabischen Halbinsel Hier stand die Wiege des Islam, hier konnte er seine ersten Triumphe feiern. Doch erst in Kairo konnte sich der Islam als große Kultur entfalten: Am Nil wurden die beherrschenden Streitfragen der Zeit debattiert, hier formierte sich der siegreiche Widerstand gegen die fremden Eroberer, hier schloß der Islam schließlich Frieden mit der Welt. Kairo besitzt eine hervorragende Presse und die führende Universität der arabisch-moslemischen Welt. Kairo ist außerdem die letzte Bastion der religiösen Koexistenz zwischen Christen und Muselmanen – nachdem der Libanon dem Fanatismus seiner eigenen Bewohner und den Anschlägen von Außenstehenden zum Opfer gefallen ist.

Wenn die arabische Welt überhaupt eine politisch-kulturelle Einheit besitzt, dann verdankt sie diese den Anstrengungen der Ägypter. Zur Zeit der osmanischen Tyrannei bot Kairo eine sichere Zuflucht für Denker und Dissidenten; hier konnten sie ihre Ideen entwickeln und den Kontakt mit der Außenwelt pflegen. In Kairo und Beirut trafen sich die dynamischen Talente der arabischen Welt – Studenten, Intellektuelle, Geschäftsleute, Verschwörer. Kairo war der einzige Hort einer besonderen Tradition: In dieser Stadt entfaltete sich die bürgerlich-kosmopolitische Kultur der arabischen Welt.

Der moderne arabische Nationalismus mag anderswo entstanden sein, aber erst in Kairo gewann er seinen Einfluß und seine Bedeutung. Erst die Literatur, der Film, die Schulen und die Universitäten Ägyptens konnten der riesigen und vielfältigen arabischen Welt ein Maß an kultureller Einheit verleihen. Der ägyptische Film trug eine volksnahe Standardsprache in die entferntesten Winkel Arabiens. Bücher aus den Kairoer Verlagshäusern haben die Geschmacks- und Verhaltensnormen der übrigen arabischen Welt geprägt. Ägyptische Universitäten waren für die arabische Jugend schon zu einer Zeit Magneten, als noch kaum jemand daran dachte, in Europa oder Amerika zu studieren. Ägyptische Lehrer, die keine Arbeit im eigenen Lande finden konnten, reüssierten an so entfernten Orten wie Algerien und der Arabischen Halbinsel.

Die Lichter der Großstadt Kairo haben die Menschen zugleich angezogen und abgestoßen. Als der libysche Oberst Muammar el-Ghaddafi Bismarck spielen und die arabische Welt einigen wollte, versuchte er als erstes Kairo "wiederzuerobern": Er wollte die Kasinos und die Nachtklubs zertrümmern, die Emanzipation der Frauen aufhalten und dem islamischen Gesetz wieder Vorrang verschaffen. Aber, Kairo war zu zivilisiert – oder in Ghaddafis Worten: zu dekadem –, um die Heilsbotschaft des Obristen zu akzeptieren.

Intuitiv hatte der libysche Präsident die zentrale Rolle Kairos schon richtig verstanden: Wer die arabische Welt in den Griff bekommen will, muß zuerst Kairo beherrschen. Auf der Arabischen Halbinsel versuchen heute die Herrscher, mit ihrem unglaublichen Reichtum Städte und Industriezentren aus dem Wüstenboden zu stampfen. Sie wollen den traditionellen Puritanismus der Wüste mit der Technologie des Westens vermengen. Aber aus den vorfabrizierten Häusern, die sie importieren, entstehen keine Städte. Denn eine echte Stadt erfordert mehr als nur vorgeformte Betonplatten und Stahlträger. Eine florierende Stadt muß in einer vielfältigen und vitalen Kultur wurzeln – und diesen Nährboden kann man weder importieren noch unter Zwang duplizieren.