Ceausescu fordert die Sowjets schon seit langem heraus

Genossen, zumal Führer "brüderlich" verbundener Paktstaaten, streiten sich nicht. Wenn es Streit gibt im Ostblock, wird er mit diskreter Solidarität registriert; dann vermelden die Kommuniqués allenfalls "korrekte und geschäftsmäßige" Gespräche. So ist es kein Wunder, daß der jüngste Zusammenprall zwischen dem Kreml und Ceausescu zur Sensation geriet: Nicht nur hatte sich der Rumäne auf dem letzten Gipfel des Warschauer Paktes geweigert, die von Moskau diktierte Parteilinie mit der eigenen Unterschrift abzusegnen; anschließend leistete, sich der Conducator aller Rumänen noch den Affront, die sowjetischen Einheits- und Geldforderungen vor der heimatlichen Öffentlichkeit mit beispielloser Schärfe abzuschmettern.

Indes: Der schrille Ton, nicht die Musik, war das eigentlich Neue bei dieser Auflehnung gegen den Moskauer Dirigenten. Denn Ceausescus Flucht vor das eigene Volk ("Ich vertraue euch voll und ganz") dramatisierte nur einen alten Part, den Rumänien seit anderthalb Jahrzehnten im Ostblock spielt: den des störrischen – und erfolgreichen – Einzelgängers.

Auf dem Novembergipfel wollten die Sowjets dem Warschauer Pakt ein Mehr an Integration, Rüstungsausgaben und außereuropäischer Gemeinsamkeit (China? Afrika?) verschreiben – Anklänge an Amerikas Nato-Gebaren während des Vietnamkrieges. Ceausescu blockte ab – wie schon zum erstenmal im Jahre 1962, als das letzte Warschauer-Pakt-Manöver auf rumänischem Boden stattfand; wie schon 1964, als die berühmte "Unabhängigkeitserklärung" des rumänischen Zentralkomitees die Auflösung beider Blöcke in Europa forderte. Im Jahre 1968 war Rumänien der einzige Paktpartner, der sich nicht an der Strafexpedition gegen Prag beteiligte. Mehr noch: Zwei Tage nach dem Einmarsch in Prag geißelte Ceausescu die Invasion "als schamlose Verletzung der nationalen Unabhängigkeit der tschechoslowakischen Republik".

Wenn der Partei- und Staatschef heute die unantastbare Unabhängigkeit des Landes beschwört ("Niemand kann unsere Armee ohne Einwilligung des ganzen Volkes in Aktion senden"), dann ist dies nur das Echo unzähliger Autonomiesch würe. So pochte er im Februar 1969 "auf das heilige Recht eines jeden Volkes, sein Schicksal selbst zu bestimmen".

Der zweite Affront auf dem Moskauer Gipfel war Ceausescus Weigerung, eine Verurteilung der ägyptisch-israelischen Friedensgespräche zu unterzeichnen. Auch dieser Alleingang hat Tradition. Nach dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 erhielt Rumänien als einziger Ostblockstaat die diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem aufrecht. Als der Warschauer Pakt im Juli in Budapest über Hilfsmaßnahmen für die Araber beriet, glänzte Rumänien durch Abwesenheit. Im Sommer 1977 reisten sowohl Sadat als auch Begin nach Bukarest; beide haben seitdem betont, daß Ceausescus Hilfestellung eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung von Sadats Jerusalem-Auftritt im November gespielt hätte.

In Moskaus Augen ist Rumäniens Sündenregister lang. Während es mit den Warschauern eher pro forma paktiert, hat es sich im Laufe der Jahre immer mehr westlichen Wirtschaftsorganisationen angeschlossen: dem Weltwährungsfonds, der Weltbank, dem Zollabkommen Gatt. In den letzten 20 Jahren ist der rumänische Handel mit dem Ostblock dafür von 72 auf 37 Prozent des Gesamtvolumens abgesunken. Ein Kuriosum, aber typisch: Die blockfreien Länder haben den Rumänen einen "permanenten Gaststatus" auf ihren Konferenzen eingeräumt.

Bleibt die Frage: Warum kam es gerade jetzt zum öffentlichen Eklat? Die einfachste, wenn auch nicht die einzige Antwort ist: China. Seit dem Tode Maos und Tschous haben die Chinesen die Einkreisungsstrategie der Sowjets mit einer ebenso durchsichtigen "Gegeneinkreisung" beantwortet. Sie trägt immer mehr Früchte – wie etwa in Rumänien; wo Hua Kuo-feng im Spätsommer dieses Jahres mit großem Pomp empfangen worden ist. Rumäniens Langzeit-Flirt mit dem Westen konnte Moskau noch zähneknirschend zugestehen, zumal die Entspannung für Entlastung am Westrand des Imperiums sorgte. China aber hat sich zu einer Besessenheit ausgeweitet, die keine Abweichung toleriert – und schon gar nicht in einem Land wie Rumänien, das direkt im Vorhof der Sowjetunion liegt. Ceausescu hat im Sommer 1978 eine kritische Grenze überschritten. Macht er keinen Rückzieher, mag es einen frostigen Winter geben. Josef Joffe