Hermann Görings Obstbesteck – ein Messereben und eine Gabel – ist heute unter Freunden 400 Mark wert. Seine unbeschriebenen Briefbogen mit Kopftitel „Reichsmarschall des Großdeutschen Reichs“ rangieren bei 100 Mark. Eine persönliche Reichsparteimedaille des Führers findet für 700 Mark schnell Liebhaber, Und das Gästebuch eines Generaloberst aus dem „Tausendjährigen Reich“ mit Autogrammen diverser NS-Größen liegt sogar mit 5000 Mark im Rennen.

Tagespreise vom bekanntesten bundesdeutschen NS-Souvenir-Großmarkt: vom Auktionshaus Graf Klenau OHG. Die Versteigerungszentrale in Münchens City – auf halbem Weg zwischen dem Landtag und dem Rathaus – gilt in Expertenkreisen unbestritten als Zentrum für versteigerungswürdigen Nachlaß aus der „braunen“ Vergangenheit. Und das nicht nur im In-, sondern auch im Ausland. Wenn Eva Brauns Briefe, Hitlers Kuchenlöffel, Servietten mit AH-Monogramm, SS-Stahlhelme, SA-Braunhemden, Ermittlungsakten der NSDAP oder Hitler-Aquarelle unter den Hammer kommen, befinden sich unter den Interessenten im Saal distinguierte Maßanzug-Besucher, die Eingeweihten als prominente ausländische Antiquitätenhändler oder vielbeschäftigte Museumseinkäufer bekannt sind.

Die Relikte aus dem Dritten Reich, vom Zigarettenetui mit Widmung Ernst Röhms bis zu Stiefeln vom Afrikakorps, wechseln emotionslos. schnell und anonym den Besitzer; die meisten Angebote liegen schon schriftlich vor. Und ein paar alte Kampfgefährten, die bei der Vorbesichtigung vielleicht sehnsüchtig auf eine Luxusausgabe „Mein Kampf“ in rotem Leder oder die Armbinde eines Ortsgruppenleiters (Katalogpreis 225 Mark) spekuliert haben, kommen als Laien kaum dazu, ihre Kelle zu heben.

Nur manchmal dringt die Kunde von dem florierenden Spekulations- und Liebhabermarkt der Hitler-Ära an die breite Öffentlichkeit. „Und das gibt meistens Ärger“, sagt ein Sprecher des Hauses Klenau mißmutig. Wie beispielsweise bei der jüngsten, 157. Versteigerung. Die Katalog-Leseprobe hatte den SPD-Landtagsabgeordneten Klaus Warnecke bereits derart empört, daß er wutentbrannt die Bayerische Staatsregierung fragte, ob sie nicht endlich gedenke, gegen den Handel mit nationalsozialistischen Objekten einzuschreiten.

In der Staatskanzlei stößt solches Ansinnen auf wenig Unternehmungslust. Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft hätten längst ergeben, daß die Auktionsware mit NS-Emblemen nur zu historisch-wissenschaftlichen Zwecken abgegeben würden, lautet die Routineantwort des Justizministeriums. Und schließlich sei die Weitergabe von Nazi-Arsenal im Sinne des Paragraphen 86 StGB an Museen und Forschungsstätten völlig legitim.

Der Freistaat Bayern, Haupterbe von Göring-Hinterlassenschaften, beteiligte sich sogar selbst an dem Auktionshandel mit NS-Erinnerungsstücken. 1974 ließ er einen Teil des „Plunders, der sich nicht mehr aufzubewahren lohnt“, unter den Hammer kommen und wunderte sich, daß der „Ramsch“ (ein Sprecher des Kultusministeriums) weit mehr als eine halbe Million einbrachte. Selbst für einen Salzstreuer aus dem Hause des Reichsmarschalls wurden damals 450 Mark geboten.

Um bei ihren lukrativen Vermittlungsbemühungen auf dem Pfad der Legalität zu wandern, sichern sich Auktionshäuser durch Einschränkungsklauseln im Katalog. Die Münchner Firma „Graf Klenau OHG Nachf.“ ließ gleich mehrmals im Katalog den Hinweis einrücken, daß „die Gegenstände aus dem III. Reich nur zu Zwecken der staatsbürgerlichenAufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre“ erworben werden können. Und wenn unbequeme Politiker wie Klaus Warnecke wieder einmal gegen den „braunen Nostalgiemarkt“ protestieren, pflegen die Versteigerer noch vor Eröffnung der Bieter-Börse auf die Klausel mahnend hinzuweisen. Ein paar Twens, die sich am vergangenen Sonnabend bereits unter die Interessentenschär im Saal gemischt hatten, zogen daraufhin denn auch beeindruckt von dannen. Ihr Abgang war aber wohl nicht die Ursache des schlechten Geschäfts mit Überbleibseln aus dem „Tausendjährigen Reich“. Weder die Mokkalöffel von NS-Potentaten-Tischen – das Stück zu 200 Mark – noch Görings zahlreiche Fischbestecke – zu 500 Mark – fanden an diesem Vormittag Interessenten.

Für die Durchschnittsware aus dem Dritten Reich sei wohl ein gewisser Sättigungsgrad derzeit erreicht, mutmaßte ein Sprecher des Waffen- und Militaria-Auktionshauses, in dem man übrigens die öffentliche Aufregung um NS-Versteigerungen überhaupt nicht verstehen kann. „Das ist doch das gleiche, als wenn wir Utensilien Napoleons unter den Hammer bringen ...“ Brigitte Zander