ZDF, Sonntag, 3. Dezember: "Jahre unseres Lebens – 1945: Bilder einer Zeit"; Dokumentation von Dieter Franck, Regie: Horst-Christian Tadey

Am Sonntagmorgen wurde ein Seminarbegriff, eine abgedroschene Formel aus dem Bereich der Ästhetik, zum Leben erweckt. Verfremdung, dieses bis zum Überdruß behandelte Kunstprinzip des Bertolt Brecht, das Börsenjobber zu Rezitatoren von Schiller-Versen und Königinnen zu Fischweibern macht, damit sie sich, in unvertrauter Gewandung, um so einprägsamer als Vertreter der herrschenden Klasse präsentieren – Verfremdung erwies sich als Zaubermittel im Dienst des Geschichtsunterrichts.

Da zogen die Flüchtlingstrecks durch die Lande, Frauen und Kinder und klappernde Wagen; da strömten, und viele weinten dabei, die Leute von Weimar durch die Lagertore von Buchenwald, sahen die Beinhalden, die Lampen aus Menschenhaut und die präparierten Zwergschädel der Gefolterten; da deckte ein amerikanischer Soldat einem erschlagenen Deutschen, der am Wegrand lag, die Zeitung übers Gesicht – und all das war leuchtend und bunt. Die Kopftücher der Frauen glänzten, rote und blaue und gestreifte Kleider bewegten sich durch Buchenwald, und die Felder, Frühlingsfelder mit frischem Grün und Büschen, waren hell: Überall der Kontrast zwischen tristem Geschehen, dem Marsch ins Lager und dem Frondienst im Bezirk der Gewehre, und den Blüten, Gräsern und Wolken in Kodacolor.

Deutschland anno 1945 – aus der Sicht der Sieger gesehen, mit den Augen amerikanischer Kameraleute. Da kam plötzlich etwas ins Bild, was die tristen Schwarz-Weiß-Aufnahmen nicht zeigen: das Gegenläufige zu Grauen und Schrecken, die banale Alltäglichkeit inmitten einer scheinbar unvergleichlichen Lage, das Unveränderte in einem Augenblick, wo scheinbar alles neu beginnt: Die Natur hat sich nicht verändert, und die Kleidung beweist, daß der alte Adam weiterwursteln wird. Die Farbe machte es offenbar: Die Rede vom Jahr Null ist Geschwätz.

Farbe und Licht ins vermeintlich Uniforme gebracht, das Miteinander von Zusammenbruch und Befreiung, Verzweiflung und Lebensrausch in einer Fülle widersprüchlicher Bilder vorgeführt zu haben, ist das Verdienst des großen Rückblicks auf das Jahr 1945. Die Mischung aus Resignation und verwegener Hoffnung wurde nicht lehrhaft rekonstruiert, sondern in Stirn-, mung umgesetzt, in die Atmosphäre eines Grauens, das beschreibbar wird und sich zu lichtenbeginnt: Das Kreuz bleibt, doch das Hakenkreuz ist weg.

Noch einmal die Radiostimme, Anflug feindlicher Bomberverbände mit wechselndem Kurs, die das Fürchten lehrte, und noch einmal, Zeichen der Hoffnung, die Stimme Thomas Manns: Macht und nationale Würde sind nicht identisch. Da trat, im Wechselspiel von Oben und Unten, Nah und Fern, ein Panorama ins Blickfeld: Vom Flugzeug aus Mondlandschaften gezeigt, vom Glockenspiel des Münchner Rathauses über die Trümmer geschwenkt – aber nie, im Gegenschnitt von Bild und Wort und Wort und Bild, die Menschen vergessen, die in Kellern Häuslichkeit praktizierten. Wochenschaubericht und Bestandsaufnahme vor Ort in erhellendem Wechsel: Truman erbittet Gottes Segen für die Vereinten Nationen; auf einem Trümmergrundstück steht ein Schild: Wer hat Nachricht von Frau M ? Die Bombenphantasmagorie von Hiroshima mit einem Frauengesicht konfrontiert, das dem Heimkehrer eine Photographie vorhält: Mein Mann ist noch vermißt.

Ein Meisterstück der Dokumentation, im Optischen, so gut wie im Text: Mörderbanden wurden die militärischen Standgerichte genannt, und wenn die Vertriebenen die Straßen durchzogen, dann bezeichnete das Wort diejenigen, die schuld waren an der Vertreibung – die nationalsozialistischen Führer, die sich mit Hilfe von Zyankali ihrer Verantwortung entzogen, den obersten Kriegsherrn voran.