Die deutsche Frage im Unterricht: Schablonen aus Bonn

Von Karl-Heinz Janßen

Der deutsche Volksschullehrer hat – einem geflügelten Wort zufolge – die Schlacht von Königgrätz entschieden. Nun soll der bundesdeutsche Lehrer die Wiedervereinigung der Nation vorbereiten. Nichts weniger erwartet von ihm die Ständige Konferenz der Kultusminister, die, versehen mit dem Segen des Bundespräsidenten und des Ministeriums für innerdeutsche Fragen, am 23. November einen Beschluß über "Die deutsche Frage im Unterricht" verabschiedet hat.

Wieder einmal hat eine Ministerrunde der Unsitte gefrönt, ungelöste oder schwierige Probleme der Politik an die Verwaltung, auf die Beamten abzuschieben. Und wieder wird die Schule dazu mißbraucht, nationale Mißstände auszubügeln, ganz wie zu Wilhelms Zeiten. Eile schien geboten, als sich im Frühjahr herausstellte, daß die Schuljugend von der deutschen Teilung und über den anderen deutschen Staat fast noch weniger weiß als über den Nationalsozialismus. Am Nationalfeiertag des 17. Juni gemahnte Bundespräsident Scheel die Länderregierungen an ihre "Pflicht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß sich die Lehrer an die Verfassung halten können. Es darf nicht geschehen, daß die deutsche Einheit durch unsere eigene Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit verspielt wird."

Zu diesem Zeitpunkt saß der Schulausschuß der Länderkultusminister schon länger als ein Jahr über einem Entwurf, den das Land Berlin vorgelegt hatte. Bei der Sitzung im November stimmten die Länder Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen zunächst für weiteren Aufschub, weil sie den schon mehrmals überarbeiteten Referentenentwurf von antiquierten Begriffen oder einseitigen Darstellungen säubern wollten. Allzu gründlich kann ihre Schlußredaktion nicht gewesen sein – der Beschluß, dem dann alle Minister zustimmten, wimmelt von schludrigen oder unglücklichen Formulierungen. Ansichten der Bonner Koalitionsparteien und der Opposition stehen unverzahnt nebeneinander. Politische Behauptungen, mehr kühn als zutreffend, historische Halbwahrheiten und ideologische Vorurteile mindern den Wert eines Dokuments, über das wohl keiner der Unterzeichner ganz glücklich gewesen ist. Aber die Skeptiker wollten sich den Vorteil nicht entgehen lassen, daß alle Länder, gleich welcher politischen Couleur, auf eine gemeinsame, der Zukunft zugewandte Position festgelegt werden.

Nur dünn geraten

Das Wort des Bundespräsidenten im Ohr ("Die Lehrer dieses Landes haben sich an die Verfassung zu halten") wiesen die Minister und Senatoren den Schulen die Aufgabe zu, "das Bewußtsein von der Einheit der deutschen Nation und ihrem Anspruch auf Selbstbestimmung in Frieden und Freiheit in der Jugend wachzuhalten Die Ausgangslage ist genau beschrieben, damit jeder Lehrer gewiß sein darf, daß er sich auf gesichertem Boden bewegt: das Grundgesetz, der Deutschlandvertrag mit den Alliierten, die Ostverträge, der Grundvertrag mit der DDR, die "Briefe zur deutschen Einheit", das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Grundvertrag und die gemeinsame Bundestagsresolution vom Mai 1972 bestimmen den Rahmen, in dem die deutsche Frage im Unterricht behandelt werden soll.