Eine Gesellschaft, in der der Sinn für Maß verlorengeht, ist gefährdet, denn das Maßlose hat keine Grenze – man weiß nicht, wohin es führt und wo es endet. Zum Wesen eines zivilisierten Menschen gehört es zu wissen, wann Mut zur Verantwortungslosigkeit denaturiert, wo Kritik in Zynismus umschlägt und bissiger Witz sich in tödliches Gift verwandelt. Es ist nicht immer leicht zu bestimmen, wo diese Grenze verläuft. Von Leuten, die für Massenmedien verantwortlich sind, kann man aber verlangen, daß sie sich auf diese Kunst verstehen. Denn in der Politik ist alles eine Frage der Grenze.

Viele Leute meinen, das Bild von Ebert und Noske in der Badehose, mit dem einst die Berliner Illustrirte ihre Auflage in der Weimarer Zeit rasant steigern konnte, weil es zur Verhöhnung der regierenden "Sozis" in der bürgerlichen Gesellschaft wesentlich beitrug, habe dem beginnenden Nazismus entscheidenden Auftrieb gegeben. Damals war es das Haus Ullstein, das – vielleicht um der Auflage willen oder auch nur dem Lacherfolg zuliebe – diese Veröffentlichung zuließ. Die Zeiten wandeln sich. Alte Männer in der Badehose sind kein besonderes Sujet mehr. Heute versucht es Die Welt auf der ersten Seite mit einem Bild von Bundeskanzler Schmidt und Bürgermeister Klose, dessen Unterschrift die Analogie zum Tierreich nahelegt und eine Parallele vom Affen zu "Gebrauchtwarenhändlern, Zauberern und Politikern" zieht.

Oscar Wilde hat Zyniker einmal so definiert: "They know the price of everything and the value of nothing Auch Peter Boenisch, der für die Welt verantwortlich zeichnet, scheint den Preis von allem – einschließlich dem für eine Auflagensteigerung –, im übrigen aber den Wert von gar nichts zu kennen. Im politischen Bereich nennt man so etwas eine Perfidie. Dff.