Von Ferdinand Ranft

Ich entdeckte das kleine Skiparadies Villa im Val Lumnezia vor sechs Jahren. Ein Reiseveranstalter hatte zur Besichtigung eines neuen Zielortes im Nachbartal eingeladen. Das Thermalbad in Bad Vals sollte deutschen Kunden schmackhaft gemacht werden. Ein Abstecher mit dem Bus führte eine kleine Gruppe von uns auch, nach Villa. Staunend sahen wir ein ansehnliches Liftsystem, das mutterseelenallein in der Landschaft schnurrte. Daneben träumte das Dorf Villa still vor sich hin – von Touristen keine Spur.

Die Lumnezia Bergbahnen AG war ein Wechsel auf die Zukunft, der freilich bald platzen sollte. Ein paar mutige Talbewohner hatten das Projekt in die Wege geleitet, um die Landflucht im unterentwickelten Tal mit Hilfe des Tourismus zu stoppen. Aber mit dem Bau der Bahn waren Mittel und Mut erschöpft. Eine geplante Feriensiedlung blieb in den Anfängen stecken, gegen die Konkurrenten links und rechts – das Valsertal und Obersaxen – konnte man sich nicht behaupten. Es kam wie es kommen mußte: Die Sesselbahn ging in Konkurs. Der große Bruder, die Bergbahnen Crap Sogn Gion AG im nahen Laax, vereinnahmte den einsamen Zwerg.

Ein Zufall brachte mich dieses Jahr wieder auf Villa. Was war wohl aus dem kleinen, verträumten Dorf inzwischen geworden? Hatte es eine ähnliche Entwicklung genommen wie beispielsweise Saalbach vom Skidorf zur Skistadt? Nein – so erfuhr ich vom Schweizer Verkehrsbüro in Frankfurt – in Villa und dem Val Lumnezia sei auch in den vergangenen sechs Jahren die Zeit stehengeblieben.

Ein wenig Herzklopfen hatten wir schon, als wir uns auf der gewundenen Straße von Ilanz (702 m) nach Villa (1244 m) hinaufschlängelten (Fahrzeit zehn bis fünfzehn Minuten). Wie würde das sein, eine Ferienwohnung in diesem winzigen Dorf, würden komfortverwöhnte Großstädter nicht vieles vermissen, wie würden die Schneeverhältnisse sein Li dieser mittleren Höhenlage so um die 2000 Meter herum?

Das Lumnezertal ist – im Gegensatz zum benachbarten Valsertal – weit und freundlich. Nach Cumbels (1140 m) ist Villa die zweite Ortschaft im Tal. (Im hinteren Tal, einer Sackgasse, oder etwas abseits von der Straße liegen noch Morissen, Vattiz-Rumein-Igels, Lumbrein-Surin, Vignogn-Vigens und Vrin, alles winzige Orte mit kaum mehr als 250 Seelen.)

Auf dem Marktplatz von Villa, um den Dorfbrunnen herum, parken ein paar Wagen mit Schweizer Kennzeichen. Ja, so stellt man sich einen gemütlichen Dorf platz vor: Ein Gasthaus, wo nicht nur die Fassade mit schmiedeeisernen Fenstergittern und Lüftelmalerei Gediegenheit ausstrahlt (wie sich später herausstellen sollte), gegenüber einer Häuserzeile – alte Holzhäuser –, an der Ecke ein wehrhafter Turm, Stolperpflaster, das der Schnee liebevoll begradigt.