Von Wolfgang Hoffmann

Die Bayer AG in Leverkusen ist preisverdächtig. Der Chemiegigant, mit 21 Milliarden Jahresumsatz an siebter Stelle unter den hundert größten deutschen Unternehmen und Arbeitgeber von 113 798 Beschäftigten, müßte eigentlich große Chancen haben, im kommenden Jahr den Umweltpreis der Stadt Leverkusen zu gewinnen. Denn der Konzern hat – wie er in Zeitungsanzeigen auch stolz verkündet – schier Unglaubliches geschafft: "Durch Umweltschutzmaßnahmen enthält die Leverkusener Luft neunzig Prozent weniger Staub als 1963." Es fällt schwer, dies nicht für einen Werbegag zu halten. Denn vor 25 Jahren produzierte Bayer weit weniger als heute, und der Verkehr in und um die heute rings von Autobahnen umgebenen Stadt war noch vergleichsweise harmlos. Während sich in der ganzen Republik mehr und mehr Umweltschützer formieren, während echte und sogenannte Experten nur düster in die Umweltzukunft schauen und Politiker über das Ticken einer chemischen Zeitbombe orakeln, mauserte sich am Rhein unweit von Köln der Chemie-Riese offenbar zu einem grünen Riesen.

Wer es nicht glauben will, der kann es sehen – etwa beim Spaziergang durch den Japanischen Garten des Firmengründers Carl Duisberg. mitten im Werkgelände des Konzerns. "In dieser einzigartigen Gartenanlage Leverkusens", so verkündet eine Hochglanzbroschüre der Firma, "gedeihen neben einheimischen auch mannigfaltige exotische Pflanzen in seltener Vielfalt". Es klingt fast so, als würden die Exotica in der Bayer-Luft erst recht gedeihen.

"Wenn es bei Bayer dennoch manchmal qualmt, dann stammt das nicht von Bayer", erklärt ein Firmensprecher, eine leichte Übertreibung nicht scheuend. Das kommt dann eher von der mitten im Werkgelände gelegenen US-Firma Kronos-Titan, von eben jener, Firma, die in den fünfziger Jahren dafür berüchtigt war, daß ihre Titan-Abgase bei entsprechender Witterungslage den Leverkusener Frauen die Nylons buchstäblich von den Beinen fraßen. Aber dank Bayers gutem Umwelteinfluß hat sich nun sogar das Kronos-Werk gebessert. Wie war das möglich, fragt der Laie, der gern der bunten Bayer-Werbung glauben möchte?

"Bayer forscht für den Umweltschutz", klärt die Image-Werbung des Konzerns da bereitwillig auf. Und in den Zeitungsanzeigen wird die Umweltqualität der Chemiefirma – geziert von einem grasgrünen Blatt – mit einprägsamen Worten ins rechte Licht gerückt: "Staubniederschlag weit unter Grenzwert." Diese Werbung putzt und sogar die Konkurrenz erkennt voller Hochachtung und mit etwas Neid: "Die Idee mit dem grünen Blatt, die war echt gut."

Bayer war indes-schon immer gut. Bereits im Jahre 1913 gab es eine "Commission für die Reinhaltung der Fabrikluft", deren Hauptaufgabe darin bestand, den Arbeitern der schnellwachsenden Fabrik die Atemwege freizuhalten. Heute läßt sich das Umweltbewußtsein von Bayer bequem in Zahlen ausdrücken. Rund drei Milliarden Mark hat das Unternehmen in den letzten sechs Jahren für den Umweltschutz ausgegeben, für Investitionen, Betriebskosten und die Forschung auf diesem Gebiet. Der Anteil der Umweltinvestitionen an den Gesamtinvestitionen wird in diesem Jahr bei etwa zwanzig Prozent liegen. Allein die Betriebskosten für den Umweltschutz liegen 1978 bei 350 Millionen Mark – hundert Millionen Mark mehr als der im letzten Jahr ausgewiesene Bilanzgewinn.

Das sind zwar Größenordnungen, mit denen sich auch die Bayer-Konkurrenten BASF und Hoechst messen können, doch es liegt auf der Hand, daß sich so viel Geld auch positiv für den Umweltschutz niederschlagen muß. Leverkusens Hausfrauen können ihre Wäsche daher auch schon wieder im Freien bis zur Weißblüte trocknen lassen.