Hamburg

Daß Hamburg „intelligente Richter“ habe, mag eine banale Feststellung sein; hingesagt aber von jemandem, der als unabhängiger Jurist und Pressemann aus jahrzehntelanger Erfahrung derart urteilen darf, ohne in den Rudi der Anmaßung zu geraten, heißt selbstverständlich: es habe besonders intelligente Richter. Und daß solche generalisierend und eben nicht bloß pauschalierend gebildete Meinung vor allem auch in den Verlagen und Chefredaktionen der Zeitungen und Zeitschriften in Hamburg (und andernorts) herrscht, liegt pars pro toto an einer ganz bestimmten Zivilkammer des Landgerichts: der Kammer 24.

Sie ist als „Pressekämmer“ durchaus berühmt geworden, bekannt nicht nur in der Branche, sondern auch in einem breiteren Publikumskreis. Das liegt zunächst in der Natur der Sache, etwa wenn es darum geht, ob irgendeine Illustrierte allzu tief in die Intimsphäre eines Filmstars eingedrungen sei oder ob eine Redaktion die „Gegendarstellung“ irgendwelcher Prominenz nun drucken müsse oder nicht.

Der sogenannte Blätterwald kann da rasch zum Rechtsdschungel werden; doch daß die Hamburger Pressekammer sich zur schlagzeilennahen Berühmtheit auch besten Ruf in schwierigsten Sach- und Fachfragen erwerben konnte, liegt nun wiederum an dem Mann, der die Entscheidungen gefällt und begründet hat.

Der Vorsitzende der Pressekammer ist seit 1967 Manfred Engelschall gewesen. Der Mann mit dem einprägsamen Namen sorgte zuletzt bundesweit für Spannung, als man auf sein Urteil im stern-Titelbild-Prozeß wartete, im vergangenen Sommer, als Alice Schwarzer und neun andere Frauen gegen den Sexismus vor Gericht zogen. Mehr als fünfhundert Zuschauer drängelten sich im Saal, Für einen Zivilprozeß ist das eine Art Weltrekord. Manfred Engelschalls Urteil, das die Klage ablehnte, die Frauen aber nicht ungetröstet ließ, fand schließlich allgemeine Zustimmung.

In der Tat dürfte es wenige Juristen geben, die sich in Presserechtsproblemen mitsamt den Grauzonen um sie herum so hervorragend auskennen und in richterlicher Praxis entsprechend sicher vorgehen, wie der Richter Engelschall es getan hat. Zu seinem bei Verlierern wie Gewinnern unbestrittenen Ansehen dürfte übrigens beigetragen haben, daß er sich, was in langjähriger Richtertätigkeit nicht selbstverständlich sein muß, seine hanseatische Weltoffenheit nicht verbauen ließ. Es dürfte zudem wenige Juristen geben, die in Hochsee- und Transatlantikrennen gesegelt sind, zum Beispiel, und gewiß keinen, der es mit soviel Erfolg tat wie dieser Amateurseemann mit den profihaften Kenntnissen, der nebenbei auch der oberste Schlichter aller Sportstreitigkeiten im Deutschen Segler-Verband.

Manfred Engelschall, 57, ist jetzt zum Senatspräsidenten ernannt worden; der exakte Titel: Vorsitzender Richter am Hanseatischen Oberlandesgericht. Er gibt mithin die Pressekammer ab. Überwiegend soll er sich nunmehr mit Verkehrsfragen befassen; in der Pressebranche aber fragt man sich, ob und wie lange man in einer immer schwieriger werdenden Medienlandschaft auf seine Erfahrungen verzichten müsse. In der Medienmetropole Hamburg spielt die presserechtsprechende Gerichtsbarkeit jedenfalls eine eminent wichtige Rolle. rst.