Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, Ende November

Menachem Begin, der Ministerpräsident mit der Bibel unterm Arm, hat dazulernen müssen. Seinem Kontrahenten und künftigen Partner, dem ägyptischen Staatschef Anwar el Sadat, schickte er dieser Tage einen in gewohnt barschem Stil geschriebenen Antwortbrief ins Haus, mit dem Tenor: bis hierher und nicht weiter! Unlängst erst,, zu Beginn einer Sitzung des Zentralkomitees seiner Herut-Partei, war er von Gegnern seiner "Appeasement-Politik" mit Eiern und Steinen beworfen worden. Das war in der Geschichte des Staates Israel ein bisher einmaliger Vorgang. In einem Brief an Jimmy Carter beklagte sich der solcherart gedemütigte Premier: "An die Hauswand unseres Hauptquartiers hatten sie ‚Verräter‘ geschrieben."

Der kampferprobte, Kritik gewohnte Menachem Begin steht derzeit unter heftigem Beschuß, der von vielen Seiten kommt – neuerdings auch mehr und mehr aus dem eigenen Lager – von denen zumal, die ihn, den ewigen Oppositionellen, im Frühsommer 1977 an die Macht gebracht hatten. Sie vor allem sind es, die sich heute von ihm verraten und verkauft fühlen: die Siedler auf dem Golan, auf den Bergen von Judäa und Samaria am Westufer des Jordan, an den Rändern der Wüste des Sinai. Nach dem "Ausverkauf" von Camp David hatten sie in Jerusalem demonstriert, in ihren Dörfern und Städten protestiert. Inzwischen ist ihr Zorn verglüht, ihre aufbrausende Wut abgekühlt. Aber die Verbitterung ist geblieben, auch die Angst. So macht sie sich Luft:

Metergroße Plakate einer Widerstandsbewegung der Siedler, die das neue Mauerwerk des restaurierten jüdischen Viertels in der Jerusalemer Altstadt verschandeln, warnen vor den schlimmen Folgen einer palästinensischen Autonomie in Westjordanien und Gaza. Ein Photo zeigt einen palästinensischen Polizisten mit eingehängter Maschinenpistole, der die Ausweise friedfertig dreinblickender jüdischer Siedler kontrolliert: Araber als Herren über Israelis – unvorstellbar.

Oder: Aufgebrachte Siedler der radikalen "Gusch Emunim"-Bewegung, als Fatah-Terroristen verkleidet, behindern zur rush hour den Verkehr auf Tel Avivs Hauptstraße, der Dizengoff. Oder: Eine andere Gruppe derselben Organisation in derselben Aufmachung stört die Ruhe des Außenministers Dajan, indem sie vor seiner Villa im Prominenten viertel Zahala aus vollaufgedrehten Transistorradios arabische Musik abspielen läßt.

Der Rabbi, wenngleich noch jung, hat bereits etwas von einem weisen. Gelehrten, der erfahren ist im Umgang mit heiligen Dingen. Auch wenn er über ernste, sein Innerstes aufwühlende Angelegenheiten spricht, weicht auch nicht für einen kurzen Augenblick das Lächeln aus seinem weichen, bärtigen Gesicht. Unter einem abgewetzten Jacket, das längst seine Farbe verloren hat, trägt er den "kleinen Talit", den Gebetsschal, und einen Revolver. Wie er, der Kopf der jungen Siedlung Keschet auf dem Golan, sind alle bewaffnet, Frauen wie Männer. Sie stehen hier, obwohl Bauern, auf Wacht. Gott hat sie hierher beordert, auch das Volk Israel, nicht aber der Staat, schon gar nicht diese Regierung. So einfach ist das.