Von Jes Rau

Verlassen die Ratten das sinkende Schiff? Dem Dokument zufolge, welches die Beschäftigten der Persischen Zentralbank während ihres Streiks veröffentlichten, haben 180 Angehörige der Schahfamilie zwischen dem 21. August und dem 21. Oktober dieses Jahres 2,4 Milliarden Dollar außer Landes gebracht. Zu den Personen, die Millionenbeträge auf sichere Konten in der Schweiz, Israel und in den USA überwiesen haben sollen, gehören unter anderem der frühere persische Premier Amouzegar, der persische Botschafter in Washington Zahedi, zwei Neffen des Schahs, mehrere Verwandte seiner Schwester und führende Mitglieder der Geheimpolizei Savak.

Falls diese Zahlen auch nur annähernd stimmen, belegen sie gleichzeitig das Ausmaß der Korruption, das Schah Pahlevi zuließ. Daß Schmiergelder reichlich flossen, hatte der iranische Herrscher jüngst selbst bestätigt. Im Bemühen, seinen Pfauenthron zu retten, gelobte der Schah nämlich vor kurzem, die Korruption rücksichtslos auszumerzen. Allerdings: Solche Versprechungen hat er schon früher gemacht, ohne daß sich an den Dingen etwas geändert hätte. Kritische amerikanische Beobachter bezweifeln, daß der Schah seine Gegner nun damit besänftigen könne, daß er sein Versprechen in die Tat umsetzt. Ihrer Meinung nach ist die Korruption im persischen Regierungsapparat nämlich nicht nur eine zufällige Begleiterscheinung, die etwa mit den persischen Sitten und Gebräuchen im Zusammenhang stehe. Vielmehr seien die zum Teil gewaltigen Schmiergelder der Kitt, der das Regime zusammenhalte.

Diese These läßt sich mit Blick auf zwei Personen belegen, die immer dann genannt werden, wenn von Korruption in Millionenformat die Rede ist: Gemeint ist der – inzwischen verstorbene – Schwager des Schahs, General Khatemi, und General Toufian. In einem amerikanischen Geheimdienstbericht an den Flugzeughersteller Bell Helicopter hieß es: "Als der Schah 1953 zur Flucht aus dem Iran gezwungen war, war er auf die Hilfe zweier Männer angewiesen, seines Piloten Khatemi und auf die von Toufiah. Nachdem der Schah an die Macht zurückgekehrt war, bekamen diese beiden Männer die wichtigsten Schlüsselpositionen: Khatemi wurde Oberbefehlshaber der persischen Luftwaffe und Toufian vertraute der Schah das Kommando der Bodenstreitkräfte an, verbunden jeweils mit der Aufsicht über die Materialbeschaffung."

Über die Rolle von General Khatemi bei der "Materialbeschaffung" für die persische Luftwaffe erfuhr die Weltöffentlichkeit Überraschendes auf Grund der Fernwirkungen des Watergate-Skandals. Seit Nixons unseligem Abgang überprüfen die amerikanischen Börsenaufsichtsbehörden SEC und die Finanzbehörden, ob amerikanische Firmen in ihren Bilanzen die (steuerlich nicht absetzbaren) Bestechungsgelder richtig verbuchen und in ihren Geschäftsberichten Umfang und Empfänger der Bestechungsgelder aufführen. Das führte zu der Enttarnung der iranischen Verkaufsagentur "Air Taxis", der sich maßgebliche US-Rüstungskonzerne als Sammelbecken für Bestechungsgelder an persische Offizielle bedienten. Teilhaber an "Air Taxis war General Khatemi.

Auf welche Weise der Schah-Schwager die Dollars in seine Taschen rollen ließ, wird aus dem Weg der halben Dollar-Million deutlich, die der US-Rüstungskonzern Rockwell International an "Air Taxis" als "Kommission für empfangene Dienstleistungen" auf das Konto einer Bank in Oklahoma überwies. Von diesem Konto zweigte der Geschäftsführer von "Air Taxis" ohne viel Umschweife 260 000 Dollar per Scheck an Genein Khatemi ab. Wieviel Geld ähnliche Wege floß, ist nicht bekannt.

Licht auf die Rolle von General Toufian verspricht ein Prozeß zu werfen, den die persischen Gebrüder Lavi vor dem Gericht des Staates New York gegen die Firma Grumman angestrengt haben. Die Lavis hatten die Verkaufsvertretung im Iran für die von Grumman hergestellten Düsenjäger des Typs F 14 Tomcat, bis ihnen auf Geheiß persischer Generäle – so behaupten die Lavis – die Vertretung abgenommen wurde. Die an ihrer Stelle angeheuerten Vertreter – ein gewisser Albert J. Fuge und sein Partner Gholam Assari – hätten die Vertretung nur bekommen, um die von Grumman bezahlte (und im Verkaufspreis der Flugzeuge wieder hereingeholte) "Kommission" an Offizielle im Iran als Bestechungsgelder weiterzuleiten: Die 2,9 Millionen Dollar, die Grumman dafür zahlte, waren die Belohnung für einen Auftrag von achtzig Tomcat-Jägern.