Die nationale Einheit: Visionen und Illusionen einer Unerwarteten Debatte

Von Theo Sommer

Wird die deutsche Frage plötzlich wieder akut? Fast möchte man es meinen. Le Monde und Times schreiben Leitartikel, aus denen die Sorge spricht, die Deutschen könnten sich wieder auf den nationalen Holzweg locken lassen. Die International Herald Tribüne warnt: "Niemand außerhalb Deutschlands hat ein Interesse an der deutschen Wiedervereinigung". Teng Hsiao-ping redet in Tokio von der Geschichtswidrigkeit nationaler Teilungen. Kann es wundernehmen, daß die Diskussion hierzulande ein Echo findet?

Das Aspen-Institut in Berlin hat am vorigen Wochenende ein hochkarätiges Seminar veranstaltet, bei dem das Deutschland-Thema unversehens in den Vordergrund geriet. Der Star der Veranstaltung, Amerikas früherer Außenminister Henry Kissinger, gab in der Kongreßhalle auf eine öffentliche Frage nach der Wiedervereinigung die öffentliche Antwort: "Ich sehe in naher Zukunft keine Möglichkeit für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Ich glaube nicht daran, daß die Sowjetunion bereit wäre, die DDR aufzugeben und dort freie Wahlen zu erlauben. Ebensowenig halte ich die Wiedervereinigung auf dem Verhandlungswege für möglich. Allenfalls könnten sich die beiden Staaten langfristig im Rahmen einer historischen Evolution in Europa näherkommen." Zwei Stunden darauf, beim restlichen Diner im Charlottenburger Schloß, schien ihm die eigene Schroffheit leid zu tun: "Ich kann zwar keinen Weg beschreiben, auf dem die Wiedervereinigung zustande kommen kann, aber ich glaube, daß die Dinge nicht so bleiben können, wie sie sind."

Freundschaftlicher Trost, doch machen wir uns nichts vor: Angesichts der Fakten kann er nicht verfangen. Es gibt heute keine Möglichkeit der Wiedervereinigung. Es wird auch keine geben können, solange das Sowjetimperium dauert – und es ist sehr zu bezweifeln, ob von den beiden deutschen Staaten viel zu vereinigen übrigbliebe, wenn es in einer gewaltsamen Explosion zerrissen würde. An diesen Tatsachen vorbei führt weder ein kurzer noch ein langer Weg zur deutschen Einheit. Alles andere ist nicht Vision, sondern Illusion. Doch vor Illusionen und Schlagwörtern, alten wie neuen, müssen wir uns hüten, die unter den Etiketten Polen, Gambetta, China, Rapallo gehandelt werden.

Machen wir’s den Polen nach, die 120 Jahre geduldig auf ihre nationale Einheit gewartet haben – diesem Rat dürfen wir nicht folgen, und wir könnten es auch gar nicht. Das dreigeteilte Polen hat sich erst in einem Weltkrieg wiedervereint, den seine Eliten wünschten und wollten – uns ist im nuklearen Zeitalter die Flucht in den Krieg verwehrt. Und die drei Teile Polens haben unter ihren verschiedenen Herrschaften keine gesellschaftliche oder ideologische Auseinanderentwicklung erlebt, schon gar nicht jene strukturelle Auseinanderentwicklung, die das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR kennzeichnet. Von "Wiedervereinigung" läßt sich nicht mehr sprechen, höchstens von Neuvereinigung.

Kein neues Rapallo