Von Gerhard Pätzig

Wir sind mitten im dritten Leben des Volksliedes. War das erste noch von ursprünglicher Verbindlichkeit, angesiedelt zwischen Arbeitsplatz, Dorflinde und nächtlicher Heimlichkeit der Liebenden, so begann das zweite, mehr künstliche Dasein mit Rousseau in Frankreich, Lord Byron in England, Hamann und Herder in Deutschland.

Mit der aufklärerischen Errungenschaft der allgemeinen Schulpflicht schwand nicht nur das Analphabetentum, sondern die mündliche Überlieferung vom Hörensagen wurde auch durch das Lesenkönnen, mithin durch die Schulbuchweisheit, ersetzt. Zum idealistischen Vorhaben, Volksgut dem drohenden Vergessenwerden zu entreißen, gesellte sich die pädagogische Absicht, den "Schatz der Nation" zu bewahren und die Sitten zu verbessern.

Ging es Herder zunächst um die schriftliche Dokumentation der Lieder des Volkes "auf Straßen und Gassen und Fischmärkten, im ungelernten Rundgesange des Landvolks, unverschönt und unveredelt", so setzte bei den späteren Herausgebern bald eine subjektive Auswahl von "reinen", "wertvollen" Liedern ein.

Junge Historiker einer modernen, antibürgerlichen Geisteswissenschaft interpretieren diesen Vorgang als Manipulation, Zensur, Unterdrückung, kurz: als negative Leistung: "Den Herrschaften ging es immer wieder nur darum, ,saubere‘ und ‚sanfte‘ untertänige Töne sammeln zu lassen ...; heute werden von den Kultusministerien der Länder Schulbücher genehmigt und deren Auswahl überwacht." Dieses Zitat aus dem Vorwort einer neuen Liedersammlung, im Verlag "pläne" herausgegeben von Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher, charakterisiert die Forderung nach einem dritten Leben des Volksgesanges.

Eingeläutet wurde diese Phase durch die amerikanische Folksong-Bewegung der sechziger Jahre, führte zum Protest- und Bänkelgesang politisierender Liedermacher und mündete schließlich in jenen kritischen Historismus, der nicht nur einst Verbotenes zutage förderte, sondern der dem ohnehin Bekannten in sozialkritischer Euphorie und Manie auch manche ungewohnte Textinterpretation hinzufügte.

Ein neuer Zweig der Liederbuch-Editionen blühte auf, die Schallplatte zog mit (wobei des Bundespräsidenten "...aber der Wagen, der rollt" eine hämische Doppeldeutung nicht ausschließt). Die Gitarre wurde zum Bestseller; historische Fidel- und Bläsergruppierungen fanden mit Folkloreprogrammen aus mindestens achthundertjähriger Vergangenheit einen TV-Einschaltquoten-Boom sondergleichen.