Die Verbindungen von Film und Oper waren bisher nicht gerade vom Glück gesegnet. Das ist nicht verwunderlich, denn es liegt auf der Hand, daß sich die von musikalischen Gesetzen und Konventionen bestimmte Dramaturgie der Oper gegen die ganz andersartigen Erfordernisse des Films sperrt. Streichungen und Zurichtungen für den Filmgebrauch verbietet aber die Achtung vor den Meisterwerken der Opernliteratur – und deren getreulicher Vollzug mit Kamerabegleitung kann keinen Anspruch auf Filmkunst erheben. Wer die Oper liebt, neigt zu Nachsicht: Er ist gewöhnt an lange Passagen ohne Aktion, an unlogische Handlungen, schwerverständliche Texte, an vielfache Wiederholungen derselben Verszeile, endlose Sterbeszenen und das ganze erhabene Pathos einer nicht naturalistischen Kunstform. Ihm wird die werknahe Dokumentation mit guten Sängern immer lieber sein als alle Mätzchen, die das Stück den Erwartungen des Kinobesuchers anzunähern trachten.

Ambitionierte Filmregisseure sehen sich aber offenbar so unlösbaren Schwierigkeiten gegenüber, daß sie gar nicht erst den Versuch machen, Opern zu "verfilmen". Ingmar Bergman ist kein Gegenbeispiel – er bediente sich in seiner (erfolgreichen) "Zauberflöte" des Kunstgriffs, das Stück anti-illusionistisch deutlich auf dem Theater spielen zu lassen. Damit hat er sich dem Problem der Opernverfilmung eigentlich entzogen.

Auf Anregung – oder besser gesagt auf Betreiben – des Pariser Operndirektors Rolf Liebermann wagt nun ein Mann des Films, der noch nie. eine Oper inszeniert hat, gleich den Griff nach den Sternen. Joseph Losey ("Der Diener", "Nora", "M. Klein") verfilmt Mozarts "Don Giovanni", die "Oper aller Opern", mit dem Ehrgeiz, eine neue Kunstart zu kreieren: die Film-Oper. "Ich kenne nicht alles, vielleicht gibt es schon einige gelungene Lösungen, besonders im Fernsehen. Aber eine Oper wirklich in einen Film zu verwandeln, ist schon ein wahnwitziges Unternehmen – eben deshalb reizt es mich", sagt Losey. "Auch von den zahllosen Büchern zum Thema Don Giovanni habe ich nur einen winzigen Bruchteil angelesen. Ich will eine neue Form schaffen und mache es eben, wie ich denke." Er denkt sich eine ganze Menge.

So hat er zuerst – in Zusammenarbeit mit Frantz Salieri, dem Erfinder des Transvestitentheaters "La grande Eugene" –, eine Interpretation des Werks erarbeitet. Ausgangspunkt ist die Ansiedlung des Geschehens im Zeitpunkt der Entstehung der Oper – zwei Jahre vor der Französischen Revolution. Losey setzt seinem Film ein Motto des unter Mussolini verfolgten italienischen Marxisten Gramsci voran: "Das Alte stirbt und das Neue kann nicht geboren werden – in diesem Zwischenbereich zeigt sich eine Vielfalt krankhafter Symptome."

Der "Don Giovanni" Mozarts und seines venezianischen Librettisten Da Ponte bekommt so eine politische Dimension – was nicht überrascht bei dem Amerikaner Losey, der in der McCarthy-Ära auf die Schwarze Liste geriet und Amerika verließ, der sich weder im Leben noch in seinen Filmen um die Politik gedrückt hat. Alle spanischen Elemente aus der Herkunft des Stoffs von Tirso de Molina sind getilgt. "Erst durch Mozart ist das Don-Juan-Thema zum Mythos geworden." Auch psychologische Interpretationen wehrt Losey ab. So macht er sich schon wieder über seine frühere Spekulation lustig, Don Giovanni sei eigentlich ein verkappter Homosexueller, wie jeder Typ des supermännlichen Mannes, jeder Vertreter des "machismo" – wozu ihm anfangs das Wortspiel "Don John Wayne" eingefallen ist.

Auf die Frage, ob er seinen "Don Giovanni" als Klassenkonflikt inszeniere, erklärt Losey mit Bestimmtheit: "Das lege ich nicht hinein – es ist darin enthalten. Vielleicht war Da Ponte kein großer Dichter, aber er hat gespürt, was zwei Jahre vor der Revolution in der Luft lag. Und Mozart erst recht. Don Giovanni ist der Repräsentant einer privilegierten Klasse, die ihre Rechtfertigung verloren hat, weil sie ihre Macht ohne Pflichtgefühl und Verantwortung ausübt. Wie drückt Mozart den Jubel, die Exaltation der Überlebenden nach dem Höllensturz des Übeltäters im Finale musikalisch aus! Das ist seine Revolte. Oder nehmen sie den Anfang – schon im ersten Satz singt Leporello: ‚Ich will nicht mehr dienen.‘ Im Ensemble ‚Viva la Liberta‘ vereinigen sich nur die Angehörigen der höheren – Stände (mit Leporello als Aufsteiger). Das Volk hört bescheiden zu. Und der gedemütigte Bauer Masetto will nichts Geringeres als Don Giovanni umbringen. Der ist noch stark genug, ihm mit Arglist die Waffen zu entwinden, aber die Zeit ist reif zum Umbruch. Giovannis Jagd nach Frauen ist eine Flucht vor dieser Wirklichkeit. Deshalb ist er auch unfähig zum Genuß."

Es hat den Anschein, als ob diese Auffassung des Helden als eines Mächtigen, der die Macht um ihrer selbst willen liebt, das Bild des großen Frauen Verführers zurückdrängt. Salieri erklärt rundheraus, daß die ganze Oper mit Erotik nichts zu tun habe, sondern nur mit Macht. Davon distanziert sich Losey allerdings – er habe sogar noch drei (stumme) Frauen dazuerfunden, da Giovanni, der Erotomane, in Mozarts Oper immer nur erfolglos gezeigt wird. "Aber er tut es nicht zu seinem Vergnügen, sondern um seine Umwelt zu erschrecken – Epater le Bourgeois. Er ist nämlich selbst ein anarchischer Rebell, ein Revolutionär. Er treibt das Verhalten seiner Gesellschaftsschicht zu dem äußersten Punkt der Absurdität. Seine Kritik ist aggressiv und zynisch. Sein ganzes Leben ist eine Rebellion gegen die Welt, in der er lebt."