Von Gerhard Seehase

Sie kommen plappernd in Scharen, erklimmen die blaugepolsterten Stühle – und erstarren. Vor innen steht einer, den sie so nicht erwartet haben. Die Entdeckung ist gewaltig, die Stille hat geschärfte Ohren. Bis einer den Finger aus dem Mund nimmt, auf den Mann da vorn zeigt und ruft: "Ein Neger."

Man hatte den Kleinen in den Kindergärten vorher gesagt: "Morgen gehen wir zum Zauber-Clown." Man hatte ihnen erzählt, daß der Zauberer "Marzipan" heißt, und daß er sehr lieb ist; aber man hatte ihnen nicht gesagt, daß er ganz krauses Haar und eine dunkle Haut hat.

"Ich hab’ Durst", sagt er. "Hol dir doch was!" kommt die Antwort. "Habt ihr einen Apfel?" "Einen Apfel kann man doch nicht trinken." Unbändiges Gelächter. "Aber Apfelsaft kann man trinken." "Dann trink doch eine Birne!" Das Gelächter wird womöglich noch stärker. "Ihr seid vielleicht komisch", sagt er. Zuruf aus der zweiten Reihe: "Trink doch deine Haare." Das Gelächter ist nicht mehr so stark wie vorher.

"Wollt ihr mal meine Haare anfassen?" Sie springen auf und zucken zurück, als er, den Kopf nach vorn, sein krauses Haar in Reichweite hält. Bis einer die Hand ausstreckt und nichts passiert. Und nun wollen sie alle.

Frank Müller, der sich Marzipan nennt, reist als Entertainer für Kinder durch Deutschland. Heute in Hamburg, morgen in Stuttgart, München, Köln oder Hannover. Er ist Südafrikaner (die Mutter ist "eine farbige Hausfrau in Johannesburg", der Vater ein "farbiger Lehrer") und schickt sich an, hierzulande einen Markt zu erobern, der noch gar keiner ist! das Mitspiel-Theater für Kleinkinder.

An diesem Tag ist Marzipan, der Zauber-Clown, der eigentlich gar nicht zaubern kann, offensichtlich aber ein ausgezeichneter Kinderpsychologe ist, in Hamburg zu Gast. Und die Kleinen machen mit bei seiner Show. Sie tun es, wie immer, wenn sie einen Erwachsenen bei abstrusen Dummheiten erwischt zu haben glauben, mit unbändigem Gelächter.