Fast drei Jahre nach seiner Flucht aus der DDR und zwei Jahre nach seinem Freispruch durch ein Essener Gericht ist der ehemalige Volksarmist Werner Weinhold nun doch noch verurteilt worden. Das Schwurgericht in Hagen hielt es für erwiesen, daß Weinhold ohne unmittelbare Not zwei DDR-Grenzsoldaten erschossen hat, um sich den Fluchtweg zu öffnen. Das Urteil. fiel dafür milde aus – fünfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags.

Der Fall ist exemplarisch für die deutsch-deutsche Problematik: Weinhold verteidigte sich damit, er habe auch noch mit den Todesschüssen nicht mehr getan als von seinem Recht auf Freizügigkeit im ganzen Deutschland Gebrauch zu machen. Und es ist ja wahr: Das Grundgesetz gewollt seine Freiheitsrechte prinzipiell allen Deutschen – auch denen im anderen Teil des Landes. Darf es sie einem dann im nachhinein versagen, wenn er herüberkommt, und sei es um den Preis des Lebens zweier Gehilfen des Unrechtsstaates?

Die Richter sprachen in ihrem Urteil von einer "Ursituation wie zwischen Kain und Abel". Aber sie stellten auch ganz lapidar fest, Weinhold habe in der konkreten Situation "die Pflicht gehabt, sich festnehmen zu lassen;... er mußte die mit seinem Wehrdienst verbundenen Beschränkungen hinnehmen". Das allein überzeugt schwerlich. Der einzige Grund, aus dem nicht jedes Mittel zu einer Flucht erlaubt sein darf, liegt tiefer: Er liegt im unveräußerlichen Recht auch der DDR-Grenzschützer auf ihr Leben, selbst wo ihnen befohlen ist, auf Flüchtlinge zu schießen.

H. Sch.