Von Helmut Gollwitzer

Von der alten Universität Bonn kommend, war mein Eindruck von der jungen Universität stark. Eine doppelte Einigkeit hob sich mir, insbesondere in der Philosophischen Fakultät, der ich angehörte, hervor: die klare Absage an das damals noch erinnerungsgegenwärtige Nazi-Regime und der Ernst der Bemühung um eine neuartige "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden".

Der deutsche Zusammenbruch von 1933–1945 war als Verpflichtung zur Wachsamkeit gegen verhängnisvolle deutsche Traditionen im Bewußtsein der Mehrheit der Fakultät gegenwärtig. Und politische Neutralität kam, wo es um bedenkliche Symptome ging, nicht in Frage. Braune Belastung von Kollegen wurde nicht mehr hingenommen oder durch Corpsgeist verdeckt. Auf antisemitische Regungen wurde scharf reagiert. Die aus der Emigration zurückkehrenden Kollegen wurden mit großer Sympathie empfangen.

Nicht weniger eindrucksvoll war uns die Sorge um die Zusammenarbeit mit den Studenten, die in vielen Gesprächen breiten Platz einnahm. Dem Neuankömmling war das eine Einstellung, die er an der alten Universität nur als individuelles Interesse einiger weniger kennengelernt hatte. Hier aber prägte sie, so schien es mir, die Atmosphäre. Wie könnte den an der wachsenden Universität vereinzelten Studenten neue Gemeinschaftsformen an Stelle der alten Verbindungen angeboten werden? Wie könnte das Studentendorf für deren Entwicklung genutzt werden? Wie ließe sich das erlahmende Studium generale wieder beleben? Das "Berliner Modell", das in jedem Universitätsgremium einem Studentenvertreter Sitz und Stimme sicherte, wurde ernstgenommen; die Voten dieses Vertreters wurden beachtet und spielten in der Meinungsbildung eine wichtige Rolle; ihn isoliert zu überstimmen, wurde nach Möglichkeit vermieden. Von einer Frontenbildung zwischen Professorenschaft und Studentenschaft konnte noch keine Rede sein.

Was viele Studenten nach Berlin zog, war die Anziehungskraft der geteilten Stadt, der hiesige Anschauungsunterricht zum Ost-West-Problem. Darum hatten wir stets eine politisch besonders wache Studentenschaft, und auch von den Dozenten kamen nicht wenige bewußt der hiesigen Situation wegen hierher – wie freilich mancher uns auch gerade dieser Situation wegen verließ. Mit dem Ende des Kalten Krieges zerbrach dann das Band des gegen östliche Unfreiheit gerichteten Freiheitsbewußtseins der Exodus-Universität. Das 1954 eingeweihte Auditorium maximum war mir mit seiner fensterlosen Wand gen Osten immer als Symbol dieses trotzigen, seiner Sendung bewußten Geistes erschienen: Wissenschaft, wie Friedrich Meinecke zur Gründungsfeier vom Krankenbett aus gesagt hatte, zu treiben im Dienste der beiden Ideen der Freiheit und der Persönlichkeit, und also in Absage gegen die Knechtung unter braunen oder rotem Vorzeichen. Meinecke hatte freilich auch gemahnt: "Nicht Kampf gegeneinander (der Westberliner und der Ostberliner Universität), sondern Wetteifer miteinander sei die Losung!"

Es ging also um die Frage, mit welchem Inhalt und mit welchen Lebensformen der anspruchsvolle Name "Freie Universität" zu füllen sei. Nicht erst Erich Kuby hat im Juni 1958 gefragt – und dafür ein folgenreiches Hausverbot erhalten –, ob dieser Name nicht – entgegen Meineckes Mahnung – auf ein Kampfverhältnis zur Humboldt-Universität fixiere und insofern "ein äußerstes Maß von Unfreiheit zum Ausdruck" bringe. Schon 1955 gab es im Clubhaus eine selbstkritische Diskussion: "Haben wir das Recht, uns Freie Universität zu nennen?" Sowohl die Vorschrift einer nur negativen Haltung zur Entwicklung der kommunistischen Länder wie auch etwa das Vordringen der Auftragsforschung im Dienste von Industrie und Rüstung, also gesellschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse traten mehr und mehr als Freiheitseinschränkungen ins Bewußtsein, und zwar der Studenten mehr als der Dozenten.

Bei der 10. Jahresfeier 1958 sagte der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt, die Studenten sollten nicht vergessen, daß an der Wiege der FU nicht nur "der Widerstand gegen die Gleichschaltung des Geistes, sondern auch die Absage an die Restauration" gestanden habe. Eben dies hatten die Studenten (von denen ich jetzt pauschal spreche) nicht vergessen. Am Anfang, an der Quelle hatten sie – in einem Brief von Otto Hess – dem Gründungsausschuß geschrieben, es sei "hier zum ersten Male die Möglichkeit gegeben, eine neue Universität von Grund auf nach modernen Gesichtspunkten aufzubauen und die Wünsche der jungen Generation zur Geltung zu bringen". Drei Punkte hob der Brief hervor: